Auf der Kreuz von Madeira nach Teneriffa

SonnenuntergangTag1Voller Begeisterung stellt Clarissa nach 24 Stunden unser Etmal von 120 Seemeilen fest. In den letzten Tagen vor Madeira hatten wir stets Wind gegen an, weshalb wir solch schnelles vorankommen nicht mehr gewohnt sind. Schon nach einem Tag verfällt der Wind in sein altes Muster: Wir müssen erneut gegen fünf Windstärken aufkreuzen. Einen halben Tag und 20 Seemeilen näher am Ziel nimmt der Wind zu, bis er zwischen 30 und 35 Knoten stehen bleibt. Unsere Fahrt dazu addiert, spüren wir 40 Knoten Wind auf dem Boot. Da wir bei so starkem Wind ohnehin kaum vorankommen und die Besatzung keine Energie zum Kämpfen übrig hat, nehmen wir die letzten Fetzen Segel herunter und bringen einen Treibanker aus. Dieser Treibanker ist wie ein konischer Trichter, in den viel Wasser einfließen, aber nur wenig Wasser austreten kann. Diesen am Bug angebunden, liegt die Takamaka schnell ruhiger im Wasser. Obwohl in der Nacht ein Frachter in weniger als einer Seemeile an uns vorbeifährt und meine Schwimmweste sich wegen der Nässe auslöst, schlafen wir erstaunlich ruhig. Mittags beim Segelsetzen bemerken wir, dass der Treibanker komplett verdreht und der Länge nach gerissen ist. Der Wind weht wieder mit sechs Beaufort gegen uns und erst nach acht Stunden haben wir die 15 Seemeilen, die wir in der vergangenen Nacht verloren haben, wieder gut gemacht. Noch 150 Seemeilen bis La Gomera. Wir alle haben in diesem Moment keine Lust mehr weiter zu segeln. Clarissa fragt mich „Können wir uns nicht abholen lassen?“ – sicher können wir das. EPIRB ins Wasser und schwups, innerhalb von wenigen Stunden würden sich zahlreiche Helfer um uns tummeln. Natürlich nutzen wir diese Möglichkeit nicht, sondern malen uns aus, wie unsere Eltern reagieren würden, wenn sie ihre Frage hören würden.
Nach einigen Spinnereien versöhnen wir uns wieder mit dem Wetter und konzentrieren uns aufs Steuern. Der Wind wird und wird nicht schwächer, alles, wirklich alles ist nass. Als wir uns abends in unsere Koje legen sind wir noch immer nicht wirklich näher an unserem Ziel, dafür ist jedoch die Koje eklig nass und wir stellen fest, dass das Brett einer unserer Verbraucherbatterien mitsamt dieser heruntergebrochen ist.
LüfterDichtungZu allem Überfluss rollt eine große Welle über unser Vorschiff und aus dem Rinnsal, dass durch unseren halb defekten Lüfter hereinkommt, wird ein Wasserfall. Zuvor kamen bei besonders großen Wellen einige hundert Milliliter, vielleicht ein Liter, hindurch. Mit dieser ersten Welle, die den Lüfter mitgenommen hat, waren es geschätzte fünf Liter. Wir mussten dieses Loch mit über 10 cm Durchmesser also schnellsten ausfüllen. Die Mülltüte konnte nur wenig überzeugen. Doch da kommt mir eine Idee in den Kopf: Was, wenn wir die Schwimmweste, die sich selbst ausgelöst hat, halb durch das Loch stecken und mit dem Mund aufblasen. Die Idee funktioniert und aus den fünf Litern werden wieder wenige Tropfen.
GischtDie Wetterprognose per Satellitentelefon verspricht eine baldige Wetterbesserung. Zwölf Stunden später jedoch ist davon noch nichts zu spüren. Dann nimmt der Wind ab, dreht, ist aber wegen der großen Restwelle kaum zu segeln. Dann dreht er erneut, weht wieder genau gegen an frischt bis auf 5 Windstärken auf. Wir fühlen uns, als hätte jemand die Winde des Aiolos aus Homers „Odyssee“ losgelassen.

Irgendwann dreht der Wind dann doch soweit, dass wir beinahe Kurs laufen, bis er wieder abnimmt und wir uns noch rund 30 Seemeilen von Teneriffa entfernt befinden. La Gomera haben wir wegen Franzis baldigem Rückflug vertagt. Nachdem mehrere Stunden lang kein Wind aufkommt, schmeißen wir den Motor an. Kurz vor Porto Colón fängt unser Motor an zu stottern, was ich zum Glück sofort bemerke und ihn schockiert abstelle. Der Dieseltank ist leer. Zum Teufel, am Mittag hatte ich noch daran gedacht und es jetzt habe ich es doch vergessen. Hoffentlich müssen wir den Motor nicht Entlüften. Wir sind nur noch einen Kilometer vom Ufer entfernt. Diesel aus dem Kanister nachgefüllt, Schlüssel drehen, der Motor stottert. Gashebel auf Volllast. Nach einer kurzen Zeit des Bangens beruhigt sich der Motor wieder und läuft sauber weiter.
Als wir in Porto Colón ankommen, werden wir wenig freundlich an einem Betonpier untergebracht, den wir wegen starkem Schwell und Tiedenhub jedoch bald wieder verlassen. Es ist schon finstere Nacht und wir fahren weiter nach Los Christianos. Ein uniformierter Hafenmitarbeiter steht am Pier, schreit zu uns herüber, wir sollen wieder verschwinden, der Hafen sei voll und ohnehin müsse man sich über Kanal 16 per Funk anmelden. Derart unhöflich wurde ich noch nie empfangen und ich frage mich, ob ich so etwas noch einmal auf meiner Tour erleben muss.
Wir Ankern in der Bucht vor dem Hafen. Keine Duschen und unruhiges Liegen in der Restwelle. So hatten wir uns unsere Ankunft auf Teneriffa nach fünf Tagen Überfahrt nicht vorgestellt.
Wegen des unangenehmen Liegens verlassen wir den Ankerplatz recht früh am Morgen und fahren nach Las Galletas, einem Hafenstädtchen ganz im Süden Teneriffas, wo ich mich mit meiner Großtante treffen möchte. Als wir ankommen werden wir freundlich am Steg empfangen, man hilft uns lächelnd beim Anlegen – wir fühlen uns endlich willkommen und wohl. Nachdem wir im Marinabüro noch freundlicher behandelt werden und die Mitarbeiterin sich sogar für die Hafenbeamten in den zwei anderen Häfen entschuldigt, sind wir uns sicher, am richtigen Ort gelandet zu sein. Das Trocknen und Reparieren kann beginnen…

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2 thoughts on “Auf der Kreuz von Madeira nach Teneriffa

  1. Christine says:

    Keine Lust mehr zum Segeln? Und Ihr wollt wirklich über den Atlantik???
    Aber ein Dauerfünfer gegenan ist wirklich anstrengend und wenn alles nass ist, geht die Laune auch in den Keller.
    Ich wünsche Euch viel Sonne zum Trocknen!!-))
    Christine

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    • Jonathan says:

      Hi Christine,
      genau das ist es. Und die Unlust ist ja hauptsächlich wegen den 8 Bft aufgekommen. 2 Tage auf der Stelle stehen und im nassen aufkreuzen geht auf die Nerven;) inzwischen genießen wir die Sonne und Hitze – und sind uns wieder absolut sicher, dass wir das Richtige tun…
      Liebe Grüße aus Santiago(La Gomera)
      Jonathan

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