Union Island, Saint Lucia und Martinique

Auf Union Island verläuft das Einklarieren mal anders: Erst zu den Customs in eine kleine Hinterstube eines Hauses, dann zum Flughafen, einem winzigen Rollfeld das nicht breiter als eine Straße in Tübingens Innenstadt zu sein scheint. Dort bekomme ich schnell noch einen Stempel in den Pass gedrückt und der Beamte fragt mich ungläubig „und sie segeln wirklich alleine?“ nach einer kurzen Erklärung meint er, ich müsse ein mutiger Mann sein. Nichts dergleichen ist der Fall, ich kann jedoch gut verstehen, wie fern es für einen Bewohner dieser winzigen Insel liegen muss, allein und auch noch freiwillig mit einem so kleinen Boot durch die Welt zu reisen. Ich verabschiede mich freundlich und erkunde das kleine, bunte Städtchen. Ein nettes Café mit richtigem Brot und Internet, ein kleines Atelier mit lokal produzierten Schmuckstücken aus Silber und lokalen Edelsteinen und zahlreiche, überfüllte Fruchtstände finde ich bei meinem kurzen Besuch. Leider muss ich rasch zurück zum Boot, denn ich habe mir vorgenommen bis nach Saint Lucia von hier aus weiter zu segeln. Das entspricht einer Strecke von knapp hundert Seemeilen, einem Tag also, wenn der Wind nicht aus der selben Richtung kommt. Beim Boot angekommen, werde ich direkt von einem Wassertaxi angefahren. Ob ich die Mooring bezahlt hätte, so fragt der Fremde mich und ich gebe ihm letzten Endes die am Vortag vereinbarten fünfzig EC Dollar. Wenig später kommt mein Bojenvermieter vom Vortag. Als ich ihm die Geschichte erzähle, bittet er mich in sein Dinghi und kaum sitze ich darinnen, dreht er seine 70 PS voll auf. Nach kurzer Rauschefahrt erreichen wir den vermeindlichen Kollegen, der ohne rot zu werden das Geld herausrückt. Ich lerne: Gib in der Karibik niemals jemandem Liegegeld, der dich nicht persönlich an seiner Mooringboje fest gemacht hat.
Im Slalom an den Untiefen vorbeiIm Slalom an den Untiefen vorbei (2)Erleichtert, dass ich nicht noch einmal zahlen muss, löse ich die Leine und setze die Segel. Der Wind scheint mir gut gesonnen und bläst stark aus dem Osten. Ich kann meinen Kurs laufen und die See ist meist von den kleinen Inseln im Osten abgeschwächt, während ich im Slalom zwischen den Untiefen und Inselchen Quere. Kurz vor Dunkelheit beißt ein Fisch. Ein Blackfin Tuna, wie meine Fischkarte mir verrät. Rund fünfzig Zentimeter groß und einige Kilo schwer, kann ich vier ordentliche Filets aus ihm herausschneiden. Roh mag ich den Fisch nun wirklich nicht essen, drum packe ich ihn anschließend in eine Plastiktüte und lege ihn in den Kühlschrank.Blackfin Tuna
Ich hole die Angel ein und lege mich schlafen. Immer wieder stehe ich auf um mich umzusehen. Es scheinen doch einige Segelboote, vor allem aber Superyachten und Kreuzfahrtschiffe unterwegs zu sein und so wird die Nacht zum Tage. Im Morgengrauen fange ich noch einen Barrakuda, den ich jedoch wegen seiner Übergröße wieder ins Wasser werfen muss. Über 2,5 Kilo schwere Riffjäger soll man in der Karibik nämlich nicht essen. Sie übertragen eine schlimme Nervenkrankheit, die durch zerstörte Riffe und die dadurch freigesetzten Algen von den Fischen aufgenommen wird. Eine Stunde später laufe ich, nach 22 Stunden, in Rodney Bay, Saint Lucia ein. Die Marina ist riesig, zahlreiche Superyachten, einige große und wenige kleine Yachten finden hier eine Unterkunft. Mich zieht jedoch nicht nur der Hafen an, sondern auch das Wissen, dass meine Freunde Max und Marie von der SY Lisa dort liegen. Nur wenige Plätze von mir entfernt und als ich auch von SY Cello einen Funkspruch höre, freue ich mich umso mehr. Beide Yachten kenne ich noch von der anderen Seite des Atlantiks.
Nach einigen Tagen in der Marina muss ich weiter. Ins Landesinnere habe ich es leider in den vergangenen drei Tagen nicht geschafft, dafür habe ich aber viel, sehr viel Zeit mit LISA und Cello, aber auch mit DUEN II, einer schwedisch/norwegischen Yacht, die Max und Marie mir vorgestellt haben, verbracht. So viele junge Segler auf engem Raum – und das schöne ist: man begegnet sich immer wieder, denn die Routen, die Herkunft und der Zufall führen einen wieder zusammen.
Es ist bereits Mittag als ich den Hafen verlasse. Der Wind wechselt zwischen Windstille im Windschatten Saint Lucias und über zwanzig Knoten im Norden der Insel. Die Überfahrt verläuft dennoch ohne Probleme. Als ich nach 36 Seemeilen vor Fort de France ankomme, geht gerade die Sonne unter. Meine Leinen sind klar, die Fender hängen an beiden Seiten des Bootes knapp über dem Wasser. Die kleinen Häfen, die die Karte zeigt sind jedoch stark überfüllt und ich traue mich nicht hinein. Der Wind ist zu stark zum sauber Manövrieren und so drehe ich nach zwei Stunden um und fahre zurück zur Bucht an der Strandpromenade, wo einige Boote vor Anker liegen. Mit den letzten Sonnenstrahlen werfe ich den Anker, der direkt halt findet (im Gegensatz zu Delta-/Kobraankern scheint der M-Anker in der Karibik ausgezeichneten Halt zu bieten. Nie hatte ich Probleme damit, von besagten anderen allerdings habe ich viel übles gehört und gesehen. Ein Beispiel hierfür ist ein Katamaran, der ausbricht und mich nur um Haaresbreite verfehlt. Der einzige Schaden bleiben zum Glück zwei schrammen an beiden Booten).
Nach einem Pfannenkuchen-Abendessen falle ich rasch ins Bett. Am morgen geht’s früh raus. Customs, einkaufen und Boot putzen stehen auf dem Plan, denn am Abend kommt mein Bruder mit seiner Familie zu Besuch und wird mich für eine Woche begleiten.

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One thought on “Union Island, Saint Lucia und Martinique

  1. Marie & Max says:

    Hi Jonathan,

    es war sehr schön, dich auf St. Lucia wieder zu treffen! Hoffentlich klappt es bald noch einmal! Viel Spass mit deiner Family und vielleicht bis bald, liebe Grüsse M&M von der SY Lisa

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