Auf dem Weg nach Neufundland

Nachdem wir das Boot nun endlich fertig geflickt haben und Lebensmittel für die nächsten Wochen und Monate gebunkert sind, kann es los gehen. Der Außenborder ist noch immer nicht repariert, dafür hat uns aber unser netter Nachbar die Gasflaschen auffüllen lassen. Gasflaschen zu befüllen, die nicht aus dem jeweiligen Land stammen in welchem man sich befindet, ist während meines Trips schon häufiger ein Problem gewesen. Mal findet man die Umfüllanlage nicht, mal gibt es gar keine. Um trotzdem Gas nachfüllen zu können haben wir einen Umfüllschlauch mit Adaptern dabei, die wie wir in Kanada feststellen mussten, nur für Europa passen. Unser Nachbar, Rob, hat also nicht nur Flaschen zum auffüllen gebracht, sondern zuvor noch einen Adapter anfertigen lassen müssen. Jetzt jedenfalls haben wir an unserem Schlauch einen Adapter und können in Kanada und USA Gas nachfüllen. Bei unserem momentanen Gasverbrauch durchaus nützlich!
Kaum sind die Gasflaschen an Bord, legen wir ab. Auf nach Neufundland! Wir wollen nach St. Johns segeln, von wo aus wir eine möglichst eisfreie Überfahrt nach Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, erwarten. Wind mit 20-30 Knoten aus SW, wir wollen nach Ost. Perfekt also. Kaum haben wir Halifax verlassen, kühlt die Lufttemperatur um 10° C ab. Nebel zieht auf und wir bewegen uns fast schon zu schnell auf unser Ziel zu. Bei 50 Metern Sicht und mehr als 7 Knoten Fahrt im Durchschnitt haben wir… 15 Sekunden bis wir durch etwas im Wasser treibendes hindurchfahren. Geht man davon aus, dass das etwas, mit dem wir zusammenstoßen auch ein Schiff ist, werden aus den 7 Knoten eher 15 oder 20 Knoten und aus den 15 Sekunden werden 5 Sekunden. Da kann man wohl kaum ausweichen und dennoch macht unsere Fahrt nur einen geringen Unterschied. Wir lassen also die Segel oben und halten uns fern von der Küste während wir wie gebannt auf Nebelsignale und das AIS achten. Nachts fällt die Temperatur beinahe auf 0° C, der Nebel bleibt die meiste Zeit über dicht und der Wind lässt uns ein Etmal von 160 Seemeilen (gegen den Labradorstrom!) verzeichnen. Als wir am Abend das Großsegel bergen um flacher vor den Wind gehen zu können, verlieren wir deutlich an Fahrt. Wir fahren also nur noch mit 5 Knoten durch den Nebel und erwärmen uns weiterhin mit Tee und Wärmflaschen. Noch 295 Seemeilen bis St. Johns.

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Endlich da und schon fast wieder weg – Halifax

Das Wetter zeigt kein Erbarmen und lässt uns mit einer Distanz von über 90 Seemeilen vor Halifax erneut im Stich. Kein Lüftchen regt sich und wir schmeißen den Motor an. Die Kälte durchdringt uns bis auf die Knochen und aus den erhofften sieben Tagen sind trotz Dauerfahrt unter Motor acht Tage geworden. Wir laufen am frühen Abend des achten Tages in Halifax ein und beginnen mit der Suche nach der passenden Marina. Zwar sind in der Karte(inzwischen nicht mehr NV-Verlag sondern Navionics Karten) einige Häfen eingezeichnet, es zeigt sich aber bald, dass diese völlig unbrauchbar sind. Nach einiger Zeit finden wir eine Marina die rund vier Meilen entfernt sein soll und zahlreiche Liegeplätze auf der Karte aufweist. Den Zoll oder die Küstenwache erreichen wir über Funk leider nicht. Wir finden also eine Stunde später einen gemütlichen Platz im „Armdale Yacht Club“ und erkundigen uns nach den Möglichkeiten einzuklarieren. Im Hafenbüro kann man uns dabei jedoch nicht helfen und bittet uns bis zum nächsten Morgen zu warten, wo das Büro des Segelclubs uns weiterhelfen wird. Ohne weiter darüber nachzudenken gehen wir duschen und rasch ins Bett. Nächster Morgen, kurz nach 8: Das Büro öffnet und ich rufe sofort Customs an, die kurze Zeit später bei mir am Boot klopfen. Nach einer langen Befragung über Seemannschaft, Finanzmittel, Drogen und längerem Durchwühlen all unserer Sachen, teilt uns einer der Beamten mit, dass wir wegen des Verstoßes eine Strafe von 1000 Kanadischen Dollar (ca. 800 Euro) zahlen müssten. Dass unser Funkgerät nach dem Sturm defekt war und wir sobald es uns möglich war bei Customs angerufen haben akzeptiert er nicht als Begründung für die 13 Stunden zu späte Meldung. Schließlich hätten wir ja im Voraus die Nummer aus dem Internet heraussuchen und die örtliche Telefonzelle nutzen können. Dumm nur, dass ich nicht davon ausging, dass mein Funkgerät defekt ist (oder wie sich später herausstellt, dass mein Funkgerät intakt ist, aber niemand in Kanada sich für Kanal 16 zuständig fühlt).
Nach diesem Ärgernis machen wir uns erst einmal ans Reparieren und Putzen. Öl vom Boden und unter den Betten weg, alles trocknen und ein Segel nach dem Anderen aufziehen. Rettungsinsel wieder befestigen, Fenster und Decksverschraubung dichten, für die Leiter einen neuen Winkel zurecht biegen und anbringen. Bolzen des Vorstages anders herum durchstecken (das Vorfall hat den Sicherungsring inzwischen zwei mal aufgebogen) und Windgenerator zum Laufen bringen. Motoröl kontrollieren, Tank auswischen und einen neuen Lüfter im Vorschiff einbauen. Die Liste scheint am Anfang endlos lang (was wohl auch der Grund dafür ist, dass dieser Blogeintrag mit einer knappen Woche Verspätung entsteht) aber mit Hilfe aller Nachbarn am Steg, die mehr als nur hilfsbereit sind, schaffen wir es endlich einen Punkt nach dem anderen abzuhaken. Inzwischen scheint beinahe alles erledigt zu sein. Letzte Punkte die abgehakt werden müssen: ein neuer Außenborder und Gas muss her und dieser Eintrag ins Netz. Für die Kälte haben wir uns isolierte Gummistiefel gekauft, die wir in den nächsten Tagen testen werden, wenn wir auf dem Weg nach St. John’s (Neufundland) sind. Von dort aus soll es dann nach Grönland gehen.

Bermuda – Halifax, bald ist es geschafft

Wir kreuzen einen ganzen Tag bei fast schwachem Wind gen Halifax und kochen und essen alles, worauf wir nur Lust haben. Heute ist nämlich ein „gönn dir alles worauf du lust hast“-Tag. Ein Tag nach dem Sturm eben. Da gibt es Pfannenbrot, Naturreis mit Tomaten-Mais-Soße (oder auch liebevoll „Matsch“ genannt) und Pfannenkuchen. Zwischendurch Chips und Süßes. Die große Genua ist gesetzt seit wir per Satellitentelefon die Entwarnung erhalten haben. Uns erwartet schwacher Wind aus Ost. Die Sonne scheint und einige Matratzen, Kissen und Klamotten liegen zum ersten Trockengang draußen ausgebreitet. Die letzten Ölflecken verschwinden, wir machen spülen die Geschirrberge die sich bei unseren Essorgien angesammelt haben und der Wind schläft ein. Als wir abends ins Bett gehen liegt ein noch recht großer Stapel Pfannenkuchen in der Pfanne. Auch wenn das bisher noch nie vorgekommen ist, konnten wir sie nicht alle verschlingen – naja, Pfannenkuchen zum Frühstück sind ja auch was tolles.
Um 9 Uhr wird es langsam dunkel, der Himmel ist kaum bedeckt, kein Wind zu spüren und es wird immer kälter. Immerhin ist das Deck trocken als ich mich in eine Decke eingehüllt ans Ruder setze und mir mühe gebe zumindest einen Knoten Fahrt nach Halifax herauszuholen. Vier Stunden und sieben Seemeilen später wecke ich Clarissa, die sich die nächsten vier Stunden mit der Windstille herumschlagen darf. Erst eine Stunde vor meiner Schicht frischt der Wind auf und als ich Clarissa ablöse dämmert es schon am Horizont. Immer wieder springen Fische neben mir aus dem Wasser. Ich bringe die Angel aus und gebe mir mühe einen dieser Schwert- und Thunfische zu fangen. Zwei mal knabbert es an der Angel, dann zieht ein Fisch daran. Leider geht er auf halber Strecke verloren. Das Morgenrot wäre sowieso zu schön gewesen um es durch das ausnehmen eines Fisches zu verpassen.
Der Wind dreht wie vorhergesagt auf Ost und wir können fünf, sechs, manchmal sogar sieben Knoten laufen. Als wir gerade unter Deck sind dröhnt es auf einmal laut. Ein Flugzeug ist direkt über uns hinweggeflogen und dreht Kreise über dem Meer. In der Entfernung sehen wir ein Schiff. Wir kommen eindeutig der Zivilisation näher. Filme schauen und im warmen herumhängen. Diesen Luxus versuchen wir ein letztes mal zu genießen bevor wir uns der Eisgrenze nähern und ständig Ausschau halten müssen. Draußen ziehen immer wieder Regenschauer über uns her, der Wind hat nachgelassen und dreht immer wieder. Keiner sitzt mehr gern draußen, wo man sich nun kaum noch ohne Jacke aufhalten kann. Als ich um sieben Uhr meine Schicht beginne, bin ich mit Merinowolle T-Shirt, Warmem Pullover, Softshell Jacke, Neopren-Handschuhen und Ölzeug eingepackt. Nach kaum einer Stunde ist mir so kalt, dass ich mich nach unten setze um Blogeintrag und Mails zu schreiben. Da muss sich mein Körper wohl noch etwas an das neue Klima gewöhnen. Noch 165 Seemeilen bis Halifax.

Bermuda – Halifax 2

Kaum ist der letzte Beitrag abgeschickt, dreht schon der Wind. Brotteig ansetzen? Da denkt jetzt keiner mehr dran. Gibts morgen eben zweimal warm. Die Wellen sind anfangs noch sanft und achterlich, nach wenigen Stunden allerdings kurz und rau. Das Schiff schlägt in die Wellenberge, die Wellenberge schlagen das Schiff. Irgendwann ist es so weit. Der erste Schaden macht sich bemerkbar, als ein besonders großer Brecher die Rettungsinsel halb über Bord spült. Einer von zwei Gurten zur Sicherung ist gebrochen und sie hängt jetzt schwer auf Lee. Raus aus dem Trockenen, rein in die Wellen. Nach einigen gescheiterten Versuchen löst meine Rettungsweste aus. War wohl zu viel für sie. Für mich auch, denke ich, als ich den nagelneuen AIS Transmitter (der meine Position im Wasser an den Laptop senden soll, sollte ich hineinfallen) in der Hand halte. Die Halterung war wohl zu schwach und hat ihn losgelassen. Rasch deaktiviert, dann in die Jackentasche gepackt. Weiter geht’s mit der Rettungsinsel. Nach einigen Versuchen gelingt es mir die Insel zu bergen und in das Innere des Schiffes zu bringen. Clarissa schaut mich und die ausgelöste Rettungsweste nur mit großen Augen an. „Hat das Funkgerät Alarm geschlagen?“ „Nein“. Der Transmitter erfüllt seinen Zweck schon mal nicht. Oder habe ich ihn vielleicht zu schnell deaktiviert? Diese Frage bleibt offen.
Den Niedergang wieder dicht gemacht sehe ich mich um. Überall kommt Wasser ins Schiff. Mittschiffs über unseren Kojen zwar nur wenig, doch dennoch genug um die Matratzen nach und nach zu durchnässen. Im Vorschiff der Lüfter – altes Thema. In der achterlichen Hundekoje kommts dafür literweise herein. Jede Welle bricht über Deck und jede über Deck brechende Welle gießt ein paar Liter kaltes, salziges Wasser über unsere Segel. Da dachte ich doch tatsächlich, dass ein paar neue Dichtungsgummis reichen würden. Die Fehlkonstruktion der Ballad macht sich wieder mal bemerkbar.
Unter Deck kehrt Ruhe ein als es draußen kaum noch etwas zu zerstören gibt. Erstmals wird von beiden Seiten ernsthaft darüber geredet ob wir uns und vor allem dem Schiff Grönland denn zutrauen. Wir reden über einen Verkauf in Kanada, direkten Kurs nach Europa, zu den Azoren oder nach Island? Noch während wir reden fällt uns auf: wir wollen uns nicht klein kriegen lassen. Weder das Meer, der Wind noch unser mangelhaft aussehendes Boot soll uns abhalten unsere Familie auf den Etappenzielen wieder zu sehen. Im nächsten Hafen reparieren wir alles und kämpfen uns weiter Richtung Norden.
Die Müdigkeit lässt uns diese Gedanken bald vergessen. Immer wieder wird Wache an Deck gegangen. Die Badeleiter hat auf einer Seite eine Schraube verloren, die zweite ist noch drinnen und ihre Halterung bis aufs Äußerste verbogen. Wird schon halten.
Als der Wind mit Sonnenaufgang nachlässt wagen wir uns das erste Mal wieder richtig an Deck. Die Schläge gegen den Rumpf, die uns die letzte Nacht raubten, die schlagende Segel, die überlaufende Bilge. All das ist hier nicht zu sehen. Hier sieht es beinahe so aus als sei nichts gewesen. Bei immer weiter nachlassenden Winden ist auch bald das Großsegel gesetzt. Erst mit Reff, dann komplett. Die Welle ist klein, nahezu winzig. Was da gestern zu solch ohrenbetäubenden Schlägen geführt haben soll ist mir unerklärlich. Bei über einem Knoten Strömung gegen an kreuzen wir Halifax entgegen. Kurs laufen – inzwischen möglich. 326 Seemeilen bis Halifax.

Der Ruf des Nordens

Bevor wir weiter segeln können muss eingekauft werden, Freunde wollen verabschiedet werden (auf Bermuda trennen sich unsere Wege, da „Anne“ und „Amazone“ über die Azoren zurück nach Deutschland segeln wollen), die gesammelten Postkarten des letzten Monats wollen abgeschickt und Wäsche muss gewaschen werden.
Als endlich auch ausklariert ist und wir den Anker einholen, können wir es kaum erwarten. Noch schnell Tanken (7 Liter Diesel sollen unserem Tank nicht fehlen!) und per Funk letzte Sicherheitsfragen des netten Zollbeamten beantworten. Ohne meine Satellitentelefonnummer, EPIRB ID und Hersteller/Kapazität der Rettungsinsel, die er meint bei mir an Deck auf die Entfernung erkennen zu können, will er uns nicht ziehen lassen. Sicher ist sicher.
Kaum haben wir die Bucht verlassen und dümpeln mit 2-4 Knoten unter vollen Beseglung vor uns hin, breitet sich ein Strahlen auf unseren Gesichtern aus. Norden, wir kommen!
Die Wettervorhersage verrät uns, dass wir einen Tag mit wenig Wind, dann einen Tag mit viel Wind von achtern, Winddreher und dann einen mit viel Wind auf die Nase vor uns haben.
Erster Tag 70 Seemeilen, zweiter Tag 160 Seemeilen – der Wind hat tatsächlich zugenommen. Segelwechsel. Groß Reffen. Weiter geht’s mit 7 Knoten aufs Ziel zu. Morgen erwarten wir den besagten Winddreher, der uns unangenehm aufhalten wird. H-Milch gab es auf Bermuda leider keine und das Müsli ist auch langsam leer. Um trotz des vielen Windes noch etwas zu beißen zu haben, setzen wir Brotteig für unser „Pfannenbrot“ an.
Noch rund 500 Seemeilen bis Halifax.

Bildernachtrag Bahamas – Bermuda

Das hochladen per Satellitentelefon hat nicht ganz geklappt, deswegen kommen die Bilder in Zukunft ohne Text. Hier jedenfalls der Bildernachtrag inklusive einer Zugabe. Die Qualle haben wir kurz vor Bermuda mit dem Eimer aus dem Wasser geschöpft. Eine tolle Mann-über-Bord Übung. Ps.: Bei manche Bilder müsst ihr per Klick vergrößern um etwas zu erkennen.

Ankunft auf Bermuda

Als wir einen Tag später in St. Georges auf den Bermudas einlaufen werden wir freundlich von der Küstenwache angefunkt, ob wir unsere Ankunft im Voraus angemeldet hätten. Natürlich nicht! Man bietet uns an, dies jetzt über Funk zu erledigen und so geschieht es auch. Nachdem wir alle Details zu uns und unserem Boot über Funk durchgegeben haben (inklusive Satellitentelefonnummer) werden wir an den Zollpier geladen um den Papierkram nochmals zu erledigen. Über die 70 Dollar fürs einklarieren sind wir inzwischen angenehm überrascht.
Anschließend im Supermart der übliche Schock. Milch kostet zwar nur 2,80 Euro pro Liter, ein Feta allerdings 8 Euro, Karotten 5 Euro pro Kilo etc. Einkaufen wird hier also nicht wesentlich günstiger als auf den Bahamas. Als wir gerade zurück zum Dinghi kommen, läuft die “Anne” ein und wir helfen fleißig mit den Leinen. Kein anderes Schiff ist uns so häufig begegnet wie die Anne. Endlich an Bord angekommen, fallen wir leicht erschöpft in die Koje. Zum Reden wird in den nächsten Tagen noch genug Zeit sein.
Wir bringen Segel zum Segelmacher, reparieren den Außenborder (die Zündkerze war hinüber), ergattern eine neue Wasserpumpe (150 Dollar sind zwar viel Geld, ohne Pumpe ist das Reisen allerdings ganz schön anstrengend). Alle Matratzen werden getrocknet, wäsche gewaschen und das Boot geputzt. Zwischen drinnen gibt’s noch einen Ausflug nach Hamilton und zur Crystal Cave, einer Tropfsteinhöhle die mit Meerwasser gefüllt ist und für Touristen zugänglich gemacht wurde. Außer den Häusern im Kolonialstil, der Höhle und vielen Wracks scheint Bermuda leider nur wenig zu bieten zu haben. Nicht so schlimm, morgen soll es für uns ja sowieso weiter nach Norden gehen. Halifax in Kanada ist das nächste Ziel!