Bermuda – Halifax 2

Kaum ist der letzte Beitrag abgeschickt, dreht schon der Wind. Brotteig ansetzen? Da denkt jetzt keiner mehr dran. Gibts morgen eben zweimal warm. Die Wellen sind anfangs noch sanft und achterlich, nach wenigen Stunden allerdings kurz und rau. Das Schiff schlägt in die Wellenberge, die Wellenberge schlagen das Schiff. Irgendwann ist es so weit. Der erste Schaden macht sich bemerkbar, als ein besonders großer Brecher die Rettungsinsel halb über Bord spült. Einer von zwei Gurten zur Sicherung ist gebrochen und sie hängt jetzt schwer auf Lee. Raus aus dem Trockenen, rein in die Wellen. Nach einigen gescheiterten Versuchen löst meine Rettungsweste aus. War wohl zu viel für sie. Für mich auch, denke ich, als ich den nagelneuen AIS Transmitter (der meine Position im Wasser an den Laptop senden soll, sollte ich hineinfallen) in der Hand halte. Die Halterung war wohl zu schwach und hat ihn losgelassen. Rasch deaktiviert, dann in die Jackentasche gepackt. Weiter geht’s mit der Rettungsinsel. Nach einigen Versuchen gelingt es mir die Insel zu bergen und in das Innere des Schiffes zu bringen. Clarissa schaut mich und die ausgelöste Rettungsweste nur mit großen Augen an. „Hat das Funkgerät Alarm geschlagen?“ „Nein“. Der Transmitter erfüllt seinen Zweck schon mal nicht. Oder habe ich ihn vielleicht zu schnell deaktiviert? Diese Frage bleibt offen.
Den Niedergang wieder dicht gemacht sehe ich mich um. Überall kommt Wasser ins Schiff. Mittschiffs über unseren Kojen zwar nur wenig, doch dennoch genug um die Matratzen nach und nach zu durchnässen. Im Vorschiff der Lüfter – altes Thema. In der achterlichen Hundekoje kommts dafür literweise herein. Jede Welle bricht über Deck und jede über Deck brechende Welle gießt ein paar Liter kaltes, salziges Wasser über unsere Segel. Da dachte ich doch tatsächlich, dass ein paar neue Dichtungsgummis reichen würden. Die Fehlkonstruktion der Ballad macht sich wieder mal bemerkbar.
Unter Deck kehrt Ruhe ein als es draußen kaum noch etwas zu zerstören gibt. Erstmals wird von beiden Seiten ernsthaft darüber geredet ob wir uns und vor allem dem Schiff Grönland denn zutrauen. Wir reden über einen Verkauf in Kanada, direkten Kurs nach Europa, zu den Azoren oder nach Island? Noch während wir reden fällt uns auf: wir wollen uns nicht klein kriegen lassen. Weder das Meer, der Wind noch unser mangelhaft aussehendes Boot soll uns abhalten unsere Familie auf den Etappenzielen wieder zu sehen. Im nächsten Hafen reparieren wir alles und kämpfen uns weiter Richtung Norden.
Die Müdigkeit lässt uns diese Gedanken bald vergessen. Immer wieder wird Wache an Deck gegangen. Die Badeleiter hat auf einer Seite eine Schraube verloren, die zweite ist noch drinnen und ihre Halterung bis aufs Äußerste verbogen. Wird schon halten.
Als der Wind mit Sonnenaufgang nachlässt wagen wir uns das erste Mal wieder richtig an Deck. Die Schläge gegen den Rumpf, die uns die letzte Nacht raubten, die schlagende Segel, die überlaufende Bilge. All das ist hier nicht zu sehen. Hier sieht es beinahe so aus als sei nichts gewesen. Bei immer weiter nachlassenden Winden ist auch bald das Großsegel gesetzt. Erst mit Reff, dann komplett. Die Welle ist klein, nahezu winzig. Was da gestern zu solch ohrenbetäubenden Schlägen geführt haben soll ist mir unerklärlich. Bei über einem Knoten Strömung gegen an kreuzen wir Halifax entgegen. Kurs laufen – inzwischen möglich. 326 Seemeilen bis Halifax.

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