Kanada – Grönland Tag 12

Der Wind weht beständig von achtern in die Segel, während Clarissa und ich mich bei der Wache abwechseln und aufmerksam in den Nebel starren. Die Sicht ist sehr eingeschränkt und es ist davon auszugehen, dass der Nebel von den darin verborgenen Eisbergen stammt. Immerhin ist es inzwischen durchgehend hell. Schon am frühen Morgen sichtet Clari den ersten Eisberg, der mit einiger Entfernung an unserer Seite vorbei zieht. Als sie mich zur Schicht weckt, steht nicht nur die Sonne am Himmel, es lichtet sich der Nebel und wir sehen zeitgleich rund 10 Eisberge um uns herum, einen nach dem anderen aus dem Nebel auftauchen, bis wir endlich auch Grönlands Küste auf ca. 30 Seemeilen Entfernung im Osten sehen. Hoch erheben sich die Schneebedeckten Berge über das Wasser und verschmelzen beinah mit den Wolken. Ob das Bild unserer ersten Landsichtung etwas geworden ist, werden wir erst in Nuuk feststellen können und bis dahin sind es noch 141 Seemeilen, zum Etmal fehlen aber noch ein paar Stunden.

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Kanada – Grönland Tag 11

Wind gegen an, Wind von achtern. Alle 12 Stunden dreht der Wind und der Barometer steigt immer auf ca. 1010 hPa und fällt dann wieder auf 1000. Unser neuer Eisbericht gibt ein Packeisfeld bis weit in den Westen, genauer bis 60°20′ N 48°10′ W an und lässt uns etwas weiter Abstand zum Ufer halten. Unseres Wissens nach recht ungewöhnlich, dass Eis in so hoher Konzentration so weit im Westen von Kap Farvel treibt und umso gefährlicher. Als der Wind am Vormittag wieder nachlässt, sind wir ein wenig enttäuscht. Mit einem Schnitt von 7 Knoten sind wir gelaufen. Jetzt dümpeln wir mit 3, dann 2 Knoten vor uns hin und das leider in Richtung Packeis. Als wir gerade unten sitzen höre ich ein Schnauben. Das muss doch ein Wal gewesen sein. Ich stürme raus, Clarissa hinterher. Sie drückt mir die Kamera in die Hand und wir knipsen und filmen was das Zeug hält. Über 30 Wale müssen es sein, die uns hier gerade umrunden und umspielen. Bis auf wenige Meter kommen sie ans Boot heran und gleichzeitig frischt der Wind auf, der jetzt wieder von achtern kommt und uns Kurs laufen lässt. Nur der Nebel ist anstrengend und gebietet Vorsicht. Die Walschule mit Babys, Jungtieren und Eltern begleitet uns für eine halbe Stunde, dann drehen sie ab und geben uns die Möglichkeit uns wieder aufzuwärmen (wir sind vollkommen ausgekühlt, da wir beide ohne Jacke und wärmende Segelklamotte nach draußen gestürmt sind). Das letzte Etmal haben wir nicht gemessen, inzwischen sind wir aber bei 235 Seemeilen bis Nuuk angekommen. Das macht seit unserem letzten Eintrag eine Strecke von 135 Seemeilen. Geht doch.

Kanada – Grönland Tag 9 und 10

Der Wind dreht und frischt bis auf 30 Knoten auf. Wir kreuzen wieder Richtung Kap Farvel. Genua runter und Fock setzen, Großsegel bergen und den neuen, 20 cm langen Riss am Unterliek begutachten. Es scheint, als würde das gute Großsegel langsam alt und marode. So wie es jetzt ist, können wir es jedenfalls nur noch gerefft setzen. 50° ab vom Kurs. Nein, jetzt sind es 60°, bald aber auch wieder nur 40°. Das Wetter scheint uns nicht gut gesonnen. Um 24.00 Uhr geht die Sonne unter und kurze Zeit später wieder auf. Das Boot ist ab vom Kurs, der Wind hat gedreht. 7-8 Knoten von achtern, dann 4 Knoten von achtern. Das erste Mal seit Tagen schalte ich den Motor an, da sowohl die Batterie leer ist als auch kein Lüftchen weht. Ich drehe den Schlüssel und es tut sich kein Mucks. Noch mal. Nichts. Ich wechsle auf die Verbraucherbatterien. Nichts. Ich ziehe im Inneren ein Kabel ab und starte den Motor ohne Schlüssel. Er stottert wieder eine Ewigkeit und springt dann endlich an. Nur die Lichtmaschine will leider keine Batterien laden. Laderegler kaputt oder nur die üblichen Zicken? Nach zwei Stunden unter Motor schalte ich ihn wieder ab. Der Wind weht inzwischen mit knapp über 10 Knoten von achtern und ich habe in der Zwischenzeit einen ordentlichen Haufen Pfannkuchen gebacken. Clari schnuppert ein bisschen Frischluft während sie den gestern begonnenen Wälzer zu Ende liest und ich lege mich wieder in die Koje. Unser gestriges Etmal waren knapp 60 Seemeilen und inzwischen sind wir bei 370 Seemeilen bis Nuuk angekommen. Mal sehen was der Wind so bringt, immerhin weht er jetzt von achtern, auch wenn ursprünglich der Plan war heute schon in Nuuk an der Pier zu liegen.

Kanada – Grönland Tag 8

Der Wind nimmt weiter zu, bis wir endlich das Großsegel bergen und unter Sturmsegel volle Fahrt machen. Immerhin laufen wir aufs Ziel zu und laut Wetterbericht (danke Markus) sollte der Wind nicht stärker werden. 35 Knoten sind auf dem offenen Meer dann doch eine ganze Menge und Sturm hatten wir zu Genüge. Hoffentlich bleibts dabei.
Als wir uns am Morgen aus der Koje wälzen, ist der Wind deutlich schwächer geworden und bald ist das Großsegel gesetzt. Unter Deck werden Filme geschaut und Bücher gelesen (danke AMAZONE und ANNE). Der Wind dreht immer wieder, mal von achtern, dann gegen an und wieder von achtern. Das Sturmsegel ist längst gegen die große Genua ausgetauscht. An Bord kehrt langsam aber sicher wieder Routine ein und wir bekommen nach und nach das Öl verdrängt, das sich überall und an allem festgesetzt hat. Für mich gibt es sogar eine Dusche (die erste richtige seit acht Tagen), wurde auch dringend mal wieder Zeit. Und ganz nebenbei schaffen wir 110 Seemeilen. Kaum vorstellbar, denn momentan dümpeln wir wieder mit schlagenden Segeln durch die Flaute und bewegen uns kaum von der Stelle. 465 Seemeilen verbleiben.

Kanada – Grönland Tag 5,6 und 7

Fast drei Tage sind vergangen, seit wir den letzten Blogeintrag geschrieben haben. Den ersten halben Tag haben wir mit Sturmvorbereitungen verbracht während noch kaum ein Lüftchen geblasen hat, dann hat der Wind rasch zugenommen und wohl um die 45 Knoten gehabt, in Böen eher mehr. Anfänglich haben wir mit dem Sturmsegel einige Seemeilen gutmachen können, sind aber immer weiter nach Westen und damit näher an Eisberge und Packeis gekommen. Als der Umlenkblock der Reffleine für das Großsegel abgerissen ist und wir nur noch ein Reff einbinden konnten, mussten wir die Segel bergen. Ein Reff würde zu viel Segelfläche bedeuten und ohne Großsegel machen wir Fahrt nach Westen, genau aufs Eis drauf. Wir bringen also unseren Treibanker aus. Am Bug zieht er eher nach hinten und hält das Boot nicht im Wind. Am Heck scheint es ganz gut zu funktionieren, allerdings wirbelt er wie unser alter (anderes Modell, zwischen Madeira und Kanaren eingesetzt und kaputt gegangen) im Kreis und dreht unsere Festmacher solange zu einer Kordel, bis er direkt hinter unserem Heck sitzt. Irgendwann, als wir gerade im Bett liegen(das Boot ist unter Treibanker recht ruhig) tut es einen unglaublichen Schlag, alles im Inneren des Bootes fliegt auf die Steuerbordseite und so auch Clarissa und ich. Das Boot wurde von einer Welle quer erwischt und auf die Seite geworfen, wir sind gekentert. Das Kojensegel ist unter unserer Last gerissen, einige Bücher, Deo, Shampoo, Nähzeug, Nagellack und Handy-Kabel liegen nun auf gleicher Position nur auf der anderen Seite (ein Weg von drei Metern, den sie wohl waagerecht im Flug zurückgelegt haben. Draußen scheint fast alles in Ordnung zu sein. Das Solarpaneel ist nach wie vor von Wind verbogen, die Sprayhood hängt ein bisschen schräg da und die Blicht ist komplett voll mit Wasser.
Ich berge den Treibanker und mache unter Top und Takel gute sechs Knoten Fahrt vor dem Wind. Um unsere Drift zu minimieren fahre ich immer wieder quer zum Wind, wobei zwar die Fahrt wesentlich geringer wird, dafür aber auch die Gefahr einer Kenterung erheblich steigt. Nach zwei Stunden bin ich durchgefroren und Clarissa löst mich ab. Immer wieder kommen große Brecher übers Heck. Als ich Clarissa gerade wieder ablösen will, kommt ein gewaltiger Brecher von hinten angerollt und füllt die Blicht bis zum Rand. Die Lenzrohre sind unterdimensioniert und brauchen eine halbe Ewigkeit um das Wasser ausfließen zu lassen. Ich bin schon zu Beginn meiner Schicht durchnässt und heil froh, dass ich meinen Lifebelt doppelt eingehakt hatte. Nach einiger Zeit bin ich wieder durchgefroren, diesmal aber viel früher als zuvor. Ich beschließe, dass es so nicht weiter geht und binde die Pinne nach Lee. Erhöhte Kentergefahr! Müssen wir in Kauf nehmen um unsere Kräfte zu sparen. Ohne Segel wird das Boot immer wieder aufstehen und der Mast nicht brechen. Selbst wenn wir also noch einmal Kentern, sollte nichts tragisches passieren.
Einige Zeit lang geht es gut. Die Takamaka wird immer wieder von Wellen gepeitscht und geschlagen, bleibt aber immer oben auf. Als wir gerade schlafen, geschieht es zum zweiten Mal. Wir kentern. Diesmal ist es deutlich länger und der Mast muss weiter unter der Wasseroberfläche gewesen sein, denn das Öl aus der Motorbilge ist durchs ganze Schiff geschossen, hat Decke, Seitenwände, Boden und unser Bett befleckt. Alles ist voll mit Öl und einiges Wasser im Schiff. Strom anschalten (wir mussten ihn wegen vorherigen Wassereinbrüchen ausschalten um einen Kurzschluss zu vermeiden) und Bilgepumpe laufen lassen. Irgendwann hört die Pumpe auf und wir beginnen ein bisschen sauber zu machen. Für viel reicht es nicht, wir schaffen nur das Nötigste bei Seite und werfen einen Blick nach draußen. Alles unverändert. Immerhin meine Theorie über das wieder aufstehen scheint sich zu bestätigen. Wir schlafen also weiter und weiter, das Boot sieht schrecklich aus. Erst als der Wind schon sehr stark abgenommen hat traue ich mich hinaus um das Sturmsegel zu setzen. 25-30 Knoten Wind und wir laufen beinahe Kurs. Mit wenig Fahrt lassen wir die Windsteueranlage laufen. Irgendwann ist der Wind bei 15-20 Knoten angekommen und wir setzen das Großsegel. Sechs knoten Fahrt aufs Ziel zu. So geht das!
Der Barometer ist inzwischen wieder um 8 hPa gefallen und der Wind hat deutlich zugenommen. Wir hoffen, dass uns nicht noch so ein Tief erwischt und warten auf den Wetterbericht, der uns gleich erreichen sollte. Da hilft nur Daumendrücken und sich auf die Wahrscheinlichkeit berufen. Zwei Tiefs innerhalb von drei Tagen? Das ist deutlich zu viel!
575 Seemeilen bis Nuuk.

Kanada – Grönland Tag 4

Wir sind inzwischen aus dem Labradorstrom soweit raus, dass wir keine Angst vor Eisbergen mehr haben müssen. Wir lassen es nachts also laufen und weil man eh nichts sieht, lege ich mich in die Koje. Immer wieder stehe ich auf um den Kurs zu korrigieren. Bei weniger als zwei Knoten Fahrt macht die Windsteueranlage ihren Job nur mäßig und am Morgen schaue ich auf die Kursaufzeichnung, die eher wie eine Brille als wie eine gerade, aufs Ziel zuführende Landebahn aussieht. Fünf Seemeilen mehr oder weniger, das macht ja wohl kaum einen Unterschied.
Gerade als der Motor läuft(der bei diesen Temperaturen im Übrigen erst nach sehr langer Zeit anspringen will), kommt auch schon der erste Wind auf. Bald wehen uns 10-15 Knoten aus NW entgegen. Immerhin geht es jetzt wieder munter vorwärts, auch wenn die Krängung nach drei Tagen achterlicher Winde etwas ungewohnt ist.
Schon seit gestern ist das Barometer recht konstant gefallen und hatte heute seinen Tiefstand bei 999,9hPa. Als ich die Wettervorhersage für morgen anschaue wundere ich mich also nicht, dass für zwei nahe Seegebiete an der Nordküste Neufundlands eine Schwerwetterwarnung mit bis zu 45 Knoten Nordwind herausgegeben wurde. Bevor wir losgefahren sind, haben wir bereits im Wetterbericht zwei Tiefs gesehen, die sich am Samstag(heute) bei Kap Farvel vereinen und nach Südosten abziehen. Dass es auch bei uns etwas rau werden oder ein Ausläufer über uns hinwegziehen könnte, war also bereits bekannt, mit ganz so viel haben wir allerdings nicht gerechnet und außerdem hätte es nun wirklich alles, alles nur nicht Nord sein dürfen. So ist das Leben.
Wegen der nächtlichen Flaute und meiner Abweichung von unserer Route(die beschriebenen Brillenmuster) beträgt unser letztes Etmal leider nur 68 Seemeilen und es bleiben 672 weitere bis Nuuk. Ob wir morgen einen Bericht senden können, wissen wir noch nicht. Sollte uns tatsächlich das Wasser um die Ohren fliegen, lassen wir das Satellitentelefon lieber in seiner Tupperdose und wedeln damit nicht durch die Gischt.

Kanada – Grönland Tag 3

Ein weiterer Tag ist vergangen ohne dass etwas bemerkenswertes passiert ist. Wir haben weder Eisberge noch Wale gesehen, haben lediglich 72 Seemeilen im letzten Etmal zurückgelegt der Nieselregen wechselt sich mit Nebel ab. Immerhin haben wir heute die äußere Eisberggrenze erreicht und können ab jetzt auch Nachts segeln. Noch 738 Seemeilen bis nach Nuuk.