Bildernachtrag Ilulissat – Eqip Sermia – Disko Insel

Advertisements

Faeringe Nordhavn – Tasiussaq

Der Ankerplatz ist gut geschützt aber beinahe unspektakulär. Kein Fisch will beißen (eine Seltenheit in Grönland), an Land sind einige Fallen, ansonsten gibt es nichts zu sehen auf der kleinen Insel hinter der wir liegen. Am nächsten Morgen geht es direkt weiter, hinein in den Nebel, der uns bis Sisimiut begleitet. So schlechtes Wetter hatten wir schon lange nicht mehr. Seit zwei Tagen ist der Himmel bedeckt, heute ist es sogar nebelig und kalt ist es auch geworden. Immerhin können wir inzwischen wieder segeln, was uns ganz gelegen kommt, denn gerade haben wir entdeckt, dass die Diesel-Ablaufleitung von den Einspritzpumpen heruntergerutscht ist und der Diesel munter in die Bilge plätschert. Das Ganze bedeutet nicht nur den Verlust von einigen Litern Diesel, sondern auch Dieseldampf im Schiff. Wenig angenehm und dringend zu beheben. Winfried stellt fest, dass die Leitung schon immer zu kurz gewesen und die Schelle, die sie auf dem Rohr befestigen sollte, nie auf diesem saß. Mit vulkanisierendem Klebeband sollte unser Motor zumindest im Notfall über einige Stunden einsatzfähig bleiben, beschließe ich und wickle den Schlauch mitsamt Schelle und Rohr kräftig ein. Solange wir wie jetzt mit sieben Knoten Fahrt unter Segeln dahin schießen, wollen wir diese Konstruktion allerdings nicht auf die Probe stellen, also schließen wir den Motorraum wieder und freuen uns auf Sisimiut, das langsam hinter dem sich lichtenden Nebel zum Vorschein kommt. Kurz vor dem Hafen holen wir dann das Großsegel herunter und starten den Motor. Als das Segel gerade fertig festgebunden ist, merke ich, dass der Motor nicht hoch dreht, egal wie ich den Gashebel bewege. Außerdem kommt zum Auspuff schwarzer Qualm heraus. Sofort stoppe ich den Motor, während Winfried rund fünfzig Meter vor der Hafeneinfahrt das Vorsegel setzt. Der Wind ist durch die Landabdeckung deutlich schwächer geworden und mit dem letzten bisschen Fahrt gehen wir bei einer Alu-Yacht längsseits. Als die Leinen fest sind öffne ich als erstes den Motorraum und sehe gleich den Kompressionshebel, der einen unserer zwei Kolben dekomprimiert. Er liegt auf der falschen Seite, was bedeutet, wir sind nur auf einem Kolben gelaufen während der Diesel im anderen nur unverbrannt ausgespuckt wurde. Kein Wunder also, dass der Motor nicht auf Drehzahl gekommen ist. Ich muss den Hebel beim Abkleben des Schlauches vergessen haben zurückzulegen und habe mir dadurch ein Segelmanöver im Hafen eingebrockt – selber schuld. Ich starte den Motor wieder und – wer hätte es gedacht – die Drehzahl lässt sich ohne weiteres erhöhen, der schwarze Qualm ist fort und alle Ängste sind verflogen. Wir sind inzwischen in Sisimiut angekommen und Winfried bereitet sich auf seine Heimreise vor. Der Rucksack wird gepackt, ein Eintrag ins Gästebuch geschrieben und im Hotel wird geduscht. Clarissa und ich wollen Wäsche waschen, was wir bei 60 Euro für einen Sack Wäsche dann aber doch verschieben. In den anderen Dörfern zahlen wir dafür maximal ein Drittel. Außerdem finden Clari und ich ein Gerät zum SD Karten auslesen. Seit Tagen können wir nicht fotografieren, weil ich all unsere Bilder seit Eqip Sermia, dem Gletscher, unserer Inlandeis-Wanderung und unserer Eisbrecher-Fahrt von der SD-Karte gelöscht habe. Zusammen mit dem Gerät können wir die Bilder zum Glück wieder herstellen. Winfried kommt mit einigen Schläuchen vom Müll zum Boot und tatsächlich passt einer davon perfekt als neuer Schlauch für die Dieselleitung. Jetzt kann Winfried guten Gewissens in seinen Flieger steigen, schließlich hat er (mit uns) das halbe Boot repariert. Die andere Hälfte wartet dann wohl auf mich bis wir in Deutschland sind. Wir legen noch einen Tag Pause in Sisimiut ein, organisieren eine Gasflasche mitsamt Adapter zum Umfüllen in unsere (was zugegebener Maßen nur mehr oder weniger gut klappt) und fahren dann weiter gen Süden, zurück nach Tasiussaq, dem Ankerplatz im Evighedsfjord, an dem wir schon bei unserer Hochreise gelegen haben. Kurz nachdem wir Sisimiut verlassen haben fängt der Wind an zu blasen. Natürlich aus Süden, der Richtung in die wir gerade wollen. Bald sind es mehr als 20 Knoten und wir wechseln das Vorsegel. Unter Deck und auch auf dem Vorschiff purzelt alles, was die letzten Wochen nie daran gedacht hat seinen Platz zu verändern. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass wir Wind von dieser Stärke haben und das Ganze natürlich gegen an. Wir brauchen mehr als 24 Stunden bis wir endlich an unserem Ankerplatz angekommen sind und gefühlt eine weitere Stunde bis wir schließlich einen Platz gefunden haben, an dem unser Anker zumindest ein bisschen hält. Nach diesem ungewohnt windigen Erlebnis legen wir erst einmal eine Pause ein und machen uns bei Ebbe auf die Suche nach Miesmuscheln, die hier überall am Strand liegen. Morgen geht es nach Nuuk weiter, von wo aus wir dann auch endlich die letzten Bilder hoch laden wollen (nachdem wir sie nun wieder hergestellt haben).

Rodebay – Faeringe Nordhavn

Bei der Kontrolle unseres Kiels in Rodebay muss ich feststellen, dass wir deutlich härter aufgesessen sind als erwartet. Wir müssen irgendwie auf eine scharfe Steinkante aufgetroffen sein, die sich tief ins Fiberglas gebohrt hat, denn das gesamte Fiberglas ist bis zum Blei auf Größe einer Handfläche weggeschlagen und das Blei schaut heraus. Im ersten Moment klingt es schrecklich und fühlt sich auch so an, Winfried versichert mir aber, dass man das Ganze nach dem Winterlager mit Flex, Fiberglas, Epoxy und Spachtelmasse wieder sauber hinbekommt. Ich bin für den Moment erleichtert und froh, dass kein größerer Schaden entstanden ist, der unsere Weiterreise beeinträchtigt. Heute soll es nämlich auf die Disko Insel gehen, die von einer leicht erreichbaren Gletscherkappe überzogen ist. Nachdem wir in dem kleinen Dörfchen eine Dusche genommen haben (es gibt in allen Dörfern Gemeinschaftsduschen, die für wenig Geld zur Verfügung gestellt werden) und ich ein paar Walknochen aus dem Wasser gefischt habe, geht es nach Westen durch den Eisgürtel des Jakobshavn Fjords, der nach unserer letzten Eis-Erfahrung am Gletscher weit weniger beeindruckend und beängstigend wirkt als bei seiner ersten Durchquerung. Irgendwann im nicht existenten Morgengrauen kommen wir in dem Städtchen Qeqertarsuaq an und legen uns zwischen einige Motorboote, wobei wir bei 11 Metern Wassertiefe Gefahr laufen in sie hinein zu treiben (da unsere Ankerleine viel länger ist als die Leine ihrer Mooring-Bojen). Der Wind dreht immer weiter und tatsächlich ist es am Mittag soweit, dass wir längs an ein Motorboot heran gedrückt werden. Die Grönländer scheinen sich zwar nur sehr wenig aus Macken und Schrammen in den Booten zu machen, wir sind aber dennoch froh, dass wir unsere Fender ausgehängt haben. Ich ziehe die Takamaka mit dem Dinghi weg und bringe einen Heckanker aus, der uns jetzt in der Mitte der Einfahrt, weit weg von den Motorbooten hält. Anschließend setze ich meine Suche nach Gas fort und werde bald fündig. Knapp 80 Euro kostet mich eine 6 Kilo Kartusche Gas, 30 davon sind Pfand. In Deutschland läuft das anders herum, da werden die vollen Kartuschen aber auch nicht per Schiff aus Dänemark angeliefert. Als ich das Siegel öffne und meinen Adaptersatz für Europa heraus hole, stelle ich fest, dass kein passender Adapter dabei ist. Zwar werden die Kartuschen aus Dänemark geliefert und sind sogar deutsch beschriftet, der Adapter passt jedoch nicht. Die Schuld, wenn es eine solche gibt, sehe ich eher bei dem Outdoor-Laden, der mir die Adapter verkauft hat. Netter Weise nimmt der Besitzer der Tankstelle die Kartusche zurück und so richten wir uns eben für die Wanderung zum Gletscher ohne Gas auf Reserve zu haben. Die alte Gaskartusche sollte noch ein paar Tage halten und wir hoffen auf Adapter in den größeren Städten.
Zum Gletscher geht es einen verhältnismäßig gut gekennzeichneten Weg in die Berge. Eher eine Touristen-Autobahn, die jeden Tag von mehreren dutzend oder sogar hunderten Wanderern genommen wird. Trotzdem brauchen wir eine ganze Weile, um die ca. 800 Höhenmeter zu erklimmen. Als wir oben ankommen, sehen wir zwei kleine Häuser, die für Touristen betrieben werden, es scheint jedoch niemand da zu sein. Wir sehen zwei Personen auf Hundeschlitten langsam über die sich vor uns erstreckende Eiskappe fahren und nach einer Weile noch langsamer wieder zurück kommen. Ob das der richtige Umgang mit Tieren ist? Nach dem Bericht der Deutschen, die gerade noch mit einem Guide auf dem Schlitten stand und erzählt wie schwer es den Hunden fällt durch den nassen Schnee zu laufen, entscheiden wir uns endgültig dagegen eine solche Tour zu buchen. Auch wenn diese Hunde in Grönland das sind, was in Deutschland lange Zeit die Pferde waren, müssen wir als Touristen diesen Umgang mit den Lasttieren nicht fördern und sie dadurch noch mehr beanspruchen.
Wir prägen uns den Gletscher ein letztes Mal ins Gedächtnis und beginnen dann mit dem weit weniger beschwerlichen Abstieg. Am nächsten Tag gibt es für mich noch Internet, Eis und Kaffee und schon sind wir wieder auf dem Meer in Richtung Hunde Ejland, einer kleinen Insel im Süden der Disko Bucht. Mit dem Spinnaker als Blister (ohne Baum, der will nicht mehr) können wir einige Stunden segeln, bevor der Wind wie üblich wieder in einer Flaute endet. Dass wir jemals so viel unter Motor fahren würden, hätten wir bis zu unserer Ankunft in Grönland abgestritten und selber nie erwartet. Wie sich die Dinge eben ändern…Den Rest der knapp 40 Meilen legen wir unter Motor zurück und kommen wieder einmal nach Mitternacht in der Bucht an. Eng ist die Einfahrt und es wird rasch zu flach für uns. Ich entscheide mich in Mitten der Einfahrt zu liegen und einen Heckanker gegen das Schwojen auszubringen. Nach fünf Minuten sind wir fertig und haben einen wunderschönen Ankerplatz für uns. Würden hier nicht permanent Motorboote an uns vorbeijagen, wäre es perfekt mit dem Blick auf das winzige Dörfchen mit ca. 80 Einwohnern und scheinbar genauso vielen Häuschen. Am nächsten Morgen/Mittag erkunden wir das Städtchen, finden einen kleinen Supermarkt, einen Friedhof mit mehr Gräbern als es Einwohner gibt, eine kleine Kirche und treffen einen Isländer, der uns viel über das Dorf und die Menschen hier erzählt. Er ist mit einer Inuit verheiratet und lebt seit sechs Jahren in Grönland. Er stellt uns seinen Sohn und seine Frau vor, erzählt uns von der dänischen Königin, die heute Abend zu Besuch kommt und zeigt uns Schmuck, Inuit-Stickereien und Stricksachen, die seine Frau herstellt. Natürlich kaufen wir ihr einige Kleinigkeiten ab und freuen uns über die nette Gesellschaft bis zum Abend, denn natürlich warten wir auf die Königin, schließlich kann man sie nicht jeden Tag von einer solchen Nähe sehen und außerdem sind wir gespannt auf die Inuit-Gewänder, Lieder und Tänze, die ihr zu Ehren aus- und aufgeführt werden sollen. Als es soweit ist, ist das ganze Dorf aufgeregt zum Wasser gekommen und heißt sie willkommen auf dieser winzigen Insel. Da wird stolz die kleine Kirche präsentiert, man hält Reden und schließlich kommen wir bei einem Spielplatz vor dem Dorfzentrum an, an welchem eine lange Tafel im Freien aufgebaut ist und Kaffee für die königlichen Gäste mitsamt Gefolge serviert wird. Die grönländische Nationalhymne wird gesungen und ein Wolfstanz im alten Stil der Inuit wird aufgeführt. Alles wirkt sehr authentisch und wir sind froh, dass wir daran teilhaben durften, dann müssen wir aber los. Kurze Zeit später holen wir den Anker auf und wollen gerade los fahren, da fährt die Königin mit ihrem Gefolge in einem hübschen Dinghi vorbei und winkt höflich. Da freut man sich doch.
Drei Stunden segeln, dann wieder unter Motor gen Süden. Knapp 80 Seemeilen liegen vor uns bis wir am Faeringe Nordhavn, einem mittelgroßen Fjord mit ruhigem Ankerplatz, ankommen. Ganz ereignislos verfliegen die Stunden, kein Wal und beinahe kein Eisberg kreuzt unsere Wege, keine Untiefe und keine anderen Boote. Nichts.

Zuwachs

Der aufmerksamen Leserin und dem fleißigen Leser dürfte inzwischen aufgefallen sein, dass Jonathan und die Takamaka seit geraumer Zeit dauerhaften Zuwachs erhalten haben. Deshalb ist es wohl an der Zeit, mich all jenen vorzustellen, die mich noch nicht kennen.
Ich bin Clarissa, 23 Jahre alt, Studentin – und hatte vor dieser Reise vom Segeln ungefähr so viel Ahnung wie von der Raumfahrt. Naja, nicht gar so schlimm, aber meine Segelerfahrungen beschränkten sich auf ein Segelschullandheim am Bodensee vor acht Jahren und einen zweiwöchigen Segelurlaub im Sommer 2013 mit Jonathan auf der Ostsee, der uns immerhin bis Kopenhagen gebracht hat. Alles in allem nicht gerade viel.
Und jetzt gleich ins eisige Grönland.
So mancher mag sich vielleicht fragen, wie man ohne Segelerfahrung auf die Idee kommt eine solche Reise mitzumachen.
Die Entscheidung von Portugal bis auf die Kap Verden mit zu segeln, fiel ziemlich spontan.
Wie kann man gewonnene Freizeit besser nutzen, als eine Reise mit dem Segelboot zu machen? Gesagt, getan. Los ging’s von Portugal über Madeira, die Kanaren auf die Kap Verden.
Nach gefühlt 14 Tagen am Wind aufkreuzen war die Begeisterung zugegebenermaßen ein bisschen gemindert und ich fürchtete noch weiteren Gegenwind während der Überfahrt auf die Kap Verden. Nach ungefähr der Hälfte der Zeit hat sich der Wind dann unserer erbarmt und auf einmal war das Segeln eine sehr angenehme Art zu reisen.
Die Tage, die wir an Land verbrachten haben uns für alle Mühen auf See entlohnt und bei der Ankunft in Sal hatte mich das Reisefieber endgültig fest im Griff.
Nach Jonathans ausdauernden Überredungsversuchen und der Rückkehr in einen grauen Kieler Winter war spätestens zu Neujahr klar: Ich komme auch für den Rest der Reise mit!
Noch rasch alles mit der Uni geklärt, Prüfungen bestanden und Abflug in die Dominikanische Republik.
Die restliche Zeit auf den karibischen Inseln und das warme Wetter habe ich sehr genossen und nach vielen Langstrecken sind wir endlich in Grönland angekommen.
An die langen Strecken auf See habe ich mich noch immer nicht gewöhnt, vor allem bei schlechtem Wetter, in Kälte und Nebel ist das Segeln unglaublich kräftezehrend, aber immerhin hat mich die Seekrankheit bisher verschont.
Der Augenblick, in dem man nach vielen Tagen auf See das erste Mal Land sieht, entlohnt einen für so mache Strapazen und sobald man wieder festen Boden unter den Füße hat, sind alle Widrigkeiten schon vergessen.
Jetzt genießen wir Grönland, die Zeit verrinnt viel zu schnell und wir würden gerne noch länger bleiben, da es so viel Einzigartiges zu sehen und zu erleben gibt.
Trotzdem freue ich mich schon jetzt auf die Ankunft in Deutschland und darauf, das heimische Segelrevier Ostsee zu erkunden und einen Segelschein zu machen.
Würde ich mich noch mal auf eine solch lange Segelreise einlassen? Auf jeden Fall! Ich habe Feuer gefangen und werde sicherlich auch in Zukunft durch die Welt segeln.
Die einzige Frage die bleibt, ist: Wohin als nächstes? Kaffeefahrt oder Nord-West-Passage?

Im Eis unterwegs – Ilulissat, Rodebay und Eqip Sermia

In Schlangenlinien fahren wir aus Ilulissat hinaus und immer weiter nach Norden. Heute Nacht wollen wir in Rodebay, einem kleinen Dörfchen wenige Seemeilen nördlich von Ilulissat, bleiben und dort in einem deutschen Restaurant lokale Speisen probieren. Als wir unseren Weg durch die Einfahrt gefunden haben (der bei der südlichen Einfahrt nur wenige Meter von der Felswand im Süden entfernt ist), finden wir bald unseren Ankerplatz. Wohl geschützt durch die Untiefen überall um uns herum müssen wir keine Angst vor den Eisbergen haben, die zu hunderten in geringer Entfernung vorbei treiben. Als wir in das Dorf kommen, finden wir rasch das Restaurant. Wie wir erfahren, kochen hier allerdings nicht mehr die erwarteten Deutschen, sondern eine Einheimische, die uns Heilbutt mit Kartoffeln anbietet. Gerne nehmen wir das Angebot an und essen den wohl besten Fisch meiner Reise (und somit auch meines Lebens). Das angeschlossene Wanderheim steht gerade komplett leer und Clari und ich packen die Gelegenheit beim Schopf und genießen die erste Nacht seit unserer Abreise in Deutschland in einem richtigen Bett. So bequem war es schon lange nicht mehr und bei dieser Aussicht zahlen wir auch gerne den stolzen Preis. Am nächsten Morgen gibt’s Frühstück im Restaurant, dann geht es auch schon weiter nach Atta, einem Ort für Touristen im Atta Sund. Schon bei der Einfahrt werden die Eismassen immer dichter und uns wird klar, dass wir das erste Mal zwischen Eisschollen ankern müssen. Beim Camp angekommen ankern wir erst einmal direkt vor dem Camp, einem sehr ungeschützten und ungünstigen Platz. Auf Nachfrage im Camp empfiehlt man uns eine Bucht weiter rechts, die sehr geschützt sein soll (schon zuvor wollten wir diese anfahren, haben uns wegen der Eissituation allerdings dagegen entschieden). Alternativ dazu überprüfen wir noch die Bucht links vom Camp, die auch sehr geschützt wirkt und bei einer Dinghi-Testfahrt tief genug scheint und Sand als Ankergrund bietet. Wir entscheiden uns dennoch für die rechte, da die andere zum Gletscher hin offen ist und bei einem Winddreher Gefahr durch die Eismassen droht. Als wir am Ankerplatz angekommen sind, erkennen wir ein weiteres Boot aus Deutschland, die Polaris. Als wir am Morgen los fahren, liegen einige Eisbrocken in der Einfahrt zur Bucht, ansonsten ist es weitestgehend eisfrei. Gerade als wir bei den Eisbrocken in der Einfahrt angekommen sind und uns einen Weg ausgesucht haben, genau da sehe ich einen Stein voraus. Ich stehe wegen des Eises am Bug und kann wegen der Schwebstoffe im Wasser gerade einmal einen Meter tief und maximal fünf Meter weit sehen. Winfried steht am Ruder und reagiert auf meinen Aufschrei „Fels! Rechts!“ gerade noch damit, den Gashebel nach hinten zu treten. Wenige Sekunden später kommt schon der erwartete Knall und wir rutschen über den Felsen, der genau in der Einfahrt liegt. Die Karten zeigen im gesamten Fjord nicht einmal Tiefen und ausgerechnet hier liegt ein Stein. Innerhalb von wenigen Sekunden sind wir wieder frei und Winfried fährt weiter westlich hinaus, während ich mich unten umsehe, auf Wassereinbruch überprüfe und den Schaden begutachte. Innen sieht alles in Ordnung aus. Ein wenig Motoröl hat wieder seinen Weg durch den Saloon gefunden, Töpfe, Pfanne, Reibe und Brettchen sind durch die Gegend geflogen, Clari geht es aber gut. Der Tag fängt jedenfalls nicht so gut an wie erhofft und die Stimmung ist die folgenden Stunden eher getrübt, während wir an den Gletscher, Eqip Sermia, fahren. Vom Gletscher aus wollen Clarissa und ich zum Inland-Eis wandern, während Winfried angeboten hat solange auf das Boot aufzupassen. Dort angekommen finden wir einen, für dortige Verhältnisse exzellenten Ankerplatz vor der Mündung eines Flusses, der mit seiner Strömung alles Eis weg schiebt und gleichzeitig eine langsam ansteigende Flussmündung voller Sand bietet. Der Anker greift sofort und wir pendeln uns in mehr als einem Knoten Strömung ein. Die Ivilia, das französische Boot, das wir bereits in Maniitsoq und Aasiaat getroffen haben, liegt direkt in der Nachbarbucht vor Anker, die zwar besser in Richtung des Gletschers geschützt ist, aber dafür keine Strömung gegen Eisberge hat. Schon während der Fahrt hat Clari Vesper und Sicherheitsequipment gepackt und wir brechen kurze Zeit später auf. Winfried bringt uns mit dem Beiboot bis zum Camp Eqi, einem Feriendorf für Touristen aus aller Welt, von wo aus wir unsere Wanderung beginnen wollen. Der Weg, den wir als kleinen und unscheinbaren Trampelpfad erwartet hatten, stellt sich schnell als 1,5Meter breite Spur einer Schneeraupe heraus und dementsprechend leicht ist es auch, ihm zu folgen. Bereits nach knapp drei Stunden sind wir angekommen und blicken hinauf zu der runden Kuppe des Inlandseises. Wir wollen uns aber mit dieser Aussicht nicht zufrieden geben und klettern (zugegebenermaßen nicht ganz ohne Risiko) einen hohen Berg hinauf. Von dort oben aus haben wir endlich den ersehnten Blick auf die beinahe glatte Eisfläche, die sich mehr als 1000 Kilometer bis in den Osten durchzieht. Die Abbruchkante verläuft sich irgendwo im Tal unter uns in einem steilen Geröllfeld und ist nur über eine vorgelagerte Eisfläche zu erreichen, weswegen wir nach einem beschwerlichen Abstieg wieder zurück zum Boot aufbrechen.
Als wir kurz vor der Stadt ankommen, treffen wir den 22 jährigen Peter, der uns in „World of Greenland“ in Ilulissat ein paar Tage zuvor zahlreiche Tipps und den Wetterbericht gegeben hat. Er ist gerade auf der Jagd, hat aber noch keinen Schneehasen und auch keine „Guaguags“ (Schneehühner) erwischt. Er lädt uns ein mit ihm mit zu kommen und so kehren wir kurz bevor wir die Siedlung erreichen wieder um. Einige Stunden später kommen wir wieder zur Siedlung, wo Winfried im rasch aufziehenden Treibeisfeld bereits mit laufendem Motor auf uns wartet. Immer wieder kalbt der Gletscher hier und bringt Meter hohe Tsunamis mit sich, was zusammen mit dem Eis, das langsam wie eine geschlossene Eisdecke aussieht, ein beängstigenden Eindruck erweckt. Schnell weg hier. Kurs auf Rodebay, flucht vor dem Eis. Immer wieder donnern wir auf Eisbrocken von mehr als 30 cm Durchmesser und ununterbrochen schieben sich die kleinen Eisbrocken am Rumpf entlang. Hinter uns bildet sich eine richtige Straße ohne Eis. Auch wenn ich wegen der großen Brocken nicht sonderlich glücklich bin, freue ich mich doch über diese einzigartige Erfahrung. Als wir nach ca. einer Stunde aus dem Packeis heraus kommen und nur noch Eisberge und Growler um uns herum sind, sind wir trotzdem alle froh über die Ruhe und die Entlastung unseres GFKs.
Als wir am Nachmittag ankommen haben wir alle nur wenig geschlafen, beginnen aber direkt mit dem schon lange herausgeschobenen Ölwechsel, Öl- und Dieselfilterwechsel, Impellerwechsel(der wegen einer zu fest angezogenen Schraube verschoben wird) und der Entlüftung unserer Stopfbuchse. Als wir mit allem fertig sind ist es bereits später Abend und sowohl das Bad im Eiswasser als auch das Tauchen nach Walknochen muss verschoben werden.

Bildernachtrag Sisimiut – Ilulissat

Reise durchs Eis

Kaum haben wir Aasiaat verlassen, sehen wir die ersten Wale vor den Inselchen. Bald sind Wale überall am Horizont zu erkennen während wenige um uns herum schwimmen und zusammen mit den Eisbergen ein traumhaftes Bild abgeben. Kurz nachdem der Wal vor einem Eisberg abgetaucht ist, kalbt dieser auch schon und mit lautem Grummeln fallen Eismassen ins Wasser. Am Horizont können wir inzwischen die Eisstraße vom Disko-Gletscher erkennen und wissen noch nicht, ob wir sie durchdringen können. Als erstes Ziel setzen wir uns Ilulissat, als der Wind jedoch genau gegen an weht, setzen wir neuen Kurs auf Christianshaab, ein kleines Städtchen mit Museum und zahlreichen Schlittenhunden. Kurz vor Ankunft fängt der Wind an stärker zu werden und bald bläst ein kräftiger Föhnwind von den Bergen herab. Als der Anker endlich guten Halt gefunden hat, fangen die Moskitos an über uns her zu fallen. Zu hunderten ruhen sie sich im Windschatten des Bootes aus und machen uns das Leben schwer. Die im Führer versprochene „gute Bäckerei“ stellt sich als Supermarkt mit frischem Brot heraus (oder wir konnten sie nicht finden) und das Museum schließt als wir gerade hinein gehen wollen. Immerhin können wir so schnell weiter. Eine Stunde später haben wir den Anker mitsamt 20 Kilo Seegras geborgen und planen den Trip nach Ilulissat. Erst wollen wir nach Claushavn, direkt im Süden des Jakobshavns Isfjords, dem weltbekannten Gletscher der Disko-Bucht, dann dorthin wandern und dann weiter nach Ilulissat. Volles Programm also. Am frühen Abend erreichen wir Claushavn und überfahren als erstes eine Untiefe. Über 20 Meter Tiefe in der Karte und weniger als 4 Meter nach Augen und Echolot. Wenige Minuten später sind wir laut Karte bereits weit im Inland, in Wirklichkeit aber direkt zwischen Land und der kleinen Insel. Da sind sie also, die massiven Fehler der grönländischen Seekarten von denen alle berichten. Ist ja auch mal eine Erfahrung wert und schließlich ist nichts passiert. Wir lassen den Anker auf 11 Metern in die Tiefe sinken, fahren ihn ein und testen seine Haltekraft. Wenn wir kräftig rückwärts gasgeben, bricht der Anker aus und rutscht über den Boden. Zweiter Ankerversuch. Wieder das gleiche. Beim dritten Mal geben wir die gesamte Leine aus und beschließen, die Leinenlänge müsse reichen um den Anker zu halten. Wind weht sowieso kaum welcher und außerdem wollen wir endlich wandern. Während der Wanderung denken wir immer wieder, dass hinter dem nächsten Bergkamm der Gletscher liegen müsse, am Ende sind es dann jedoch immer noch einige Berge und Täler mehr und wir kommen erst nach gut drei Stunden am Gletscher an. Außer der traumhaften Sicht auf die gewaltigen Eismassen, die sich aus dem Fjord drücken, werden wir noch durch einige Inuitgräber der Thule-Kultur, ein Skelett eines Moschus-Ochsen, zwei lebende Ochsen und einige Wolle, die wir überall vom Boden aufsammeln, belohnt. Als wir morgens um drei Uhr beim Boot ankommen, denkt niemand mehr ans weiter segeln. Eine Nacht in dieser ungeschützten Bucht wird uns jetzt auch nicht mehr schaden können.
Um 9 Uhr morgens wird der Anker gelichtet und wir fahren langsam entlang der Eisgrenze. Jede Minute ist Aufmerksamkeit geboten. Überall sind Eisberge, immer wieder Felder von Growlern. Wir sind direkt vor der Fjord-Mündung und fahren gerade nach Nordwesten, da sehe ich einen Fischer zwischen den Eisbergen, bei denen ich vor wenigen Minuten an kein Durchkommen geglaubt hatte. Wir fahren zwischen den ersten Eisbergen hindurch und immer gerade wenn man denkt es gebe keinen Weg mehr, tut sich ein neuer auf. Im Zickzack geht es also um diese Eisberge der Superlative. Der eine blau und klein, der andere grau und gut einen Kilometer lang, der nächste schneeweiß und noch viel größer und höher als der letzte. Es gibt da schiefe und gerade Risse, Überhänge, Säulen, Tore und Höhlen aus Eis. Clari wird mit Kamera ins Masttop geschickt und kümmert sich um Bilder von oben, Winfried um die von unten und ich steuere mit einem Abstand von 20 Metern zwischen zwei Bergen hindurch. Nach einer extra Runde geht es dann raus aus dem Eisgürtel und wir fahren endlich ins Freie. Das Eis lichtet sich und wir sehen die ersten Häuser von Ilulissat, als ER zum Vorschein kommt. ER ist ca. 50 auf 50 Meter groß, auf der einen Seite schon am Zerbröckeln und auf der anderen Seite eben und etwa einen Meter hoch. ER hat auch eine kleine Pfütze in der Mitte, die sich kontinuierlich füllt. Die Erstbesteigung unseres Eisbergs dauert nur wenige Minuten. Kurze Zeit später kommen auch Winfried und Clarissa herüber. Das Wasser in der Pfütze ist herrlich frisch, das Eis so fest wie Stein und kaum rutschig, der Schärenanker hält leider nicht im bröckeligen Teil und überhaupt haben wir großen Respekt vor kalbenden Eisbergen und drehen bald wieder ab, um in den Hafen von Ilulissat einzulaufen. Der Fischerhafen ist sehr überfüllt, wir haben aber bald an einem Fischerboot fest gemacht und informieren uns in der Stadt nach Möglichkeiten zum Inlandeis zu wandern. Leider brauchen wir mindestens fünf Tage für den Weg hin und zurück und die Zeit bis Winfried heim fliegen muss ist begrenzt. Wir wollen also noch ein Stückchen nach Norden segeln, wo das Eis näher bis ans Wasser reicht und wir nur zwei Tage zu wandern haben.