Reise durchs Eis

Kaum haben wir Aasiaat verlassen, sehen wir die ersten Wale vor den Inselchen. Bald sind Wale überall am Horizont zu erkennen während wenige um uns herum schwimmen und zusammen mit den Eisbergen ein traumhaftes Bild abgeben. Kurz nachdem der Wal vor einem Eisberg abgetaucht ist, kalbt dieser auch schon und mit lautem Grummeln fallen Eismassen ins Wasser. Am Horizont können wir inzwischen die Eisstraße vom Disko-Gletscher erkennen und wissen noch nicht, ob wir sie durchdringen können. Als erstes Ziel setzen wir uns Ilulissat, als der Wind jedoch genau gegen an weht, setzen wir neuen Kurs auf Christianshaab, ein kleines Städtchen mit Museum und zahlreichen Schlittenhunden. Kurz vor Ankunft fängt der Wind an stärker zu werden und bald bläst ein kräftiger Föhnwind von den Bergen herab. Als der Anker endlich guten Halt gefunden hat, fangen die Moskitos an über uns her zu fallen. Zu hunderten ruhen sie sich im Windschatten des Bootes aus und machen uns das Leben schwer. Die im Führer versprochene „gute Bäckerei“ stellt sich als Supermarkt mit frischem Brot heraus (oder wir konnten sie nicht finden) und das Museum schließt als wir gerade hinein gehen wollen. Immerhin können wir so schnell weiter. Eine Stunde später haben wir den Anker mitsamt 20 Kilo Seegras geborgen und planen den Trip nach Ilulissat. Erst wollen wir nach Claushavn, direkt im Süden des Jakobshavns Isfjords, dem weltbekannten Gletscher der Disko-Bucht, dann dorthin wandern und dann weiter nach Ilulissat. Volles Programm also. Am frühen Abend erreichen wir Claushavn und überfahren als erstes eine Untiefe. Über 20 Meter Tiefe in der Karte und weniger als 4 Meter nach Augen und Echolot. Wenige Minuten später sind wir laut Karte bereits weit im Inland, in Wirklichkeit aber direkt zwischen Land und der kleinen Insel. Da sind sie also, die massiven Fehler der grönländischen Seekarten von denen alle berichten. Ist ja auch mal eine Erfahrung wert und schließlich ist nichts passiert. Wir lassen den Anker auf 11 Metern in die Tiefe sinken, fahren ihn ein und testen seine Haltekraft. Wenn wir kräftig rückwärts gasgeben, bricht der Anker aus und rutscht über den Boden. Zweiter Ankerversuch. Wieder das gleiche. Beim dritten Mal geben wir die gesamte Leine aus und beschließen, die Leinenlänge müsse reichen um den Anker zu halten. Wind weht sowieso kaum welcher und außerdem wollen wir endlich wandern. Während der Wanderung denken wir immer wieder, dass hinter dem nächsten Bergkamm der Gletscher liegen müsse, am Ende sind es dann jedoch immer noch einige Berge und Täler mehr und wir kommen erst nach gut drei Stunden am Gletscher an. Außer der traumhaften Sicht auf die gewaltigen Eismassen, die sich aus dem Fjord drücken, werden wir noch durch einige Inuitgräber der Thule-Kultur, ein Skelett eines Moschus-Ochsen, zwei lebende Ochsen und einige Wolle, die wir überall vom Boden aufsammeln, belohnt. Als wir morgens um drei Uhr beim Boot ankommen, denkt niemand mehr ans weiter segeln. Eine Nacht in dieser ungeschützten Bucht wird uns jetzt auch nicht mehr schaden können.
Um 9 Uhr morgens wird der Anker gelichtet und wir fahren langsam entlang der Eisgrenze. Jede Minute ist Aufmerksamkeit geboten. Überall sind Eisberge, immer wieder Felder von Growlern. Wir sind direkt vor der Fjord-Mündung und fahren gerade nach Nordwesten, da sehe ich einen Fischer zwischen den Eisbergen, bei denen ich vor wenigen Minuten an kein Durchkommen geglaubt hatte. Wir fahren zwischen den ersten Eisbergen hindurch und immer gerade wenn man denkt es gebe keinen Weg mehr, tut sich ein neuer auf. Im Zickzack geht es also um diese Eisberge der Superlative. Der eine blau und klein, der andere grau und gut einen Kilometer lang, der nächste schneeweiß und noch viel größer und höher als der letzte. Es gibt da schiefe und gerade Risse, Überhänge, Säulen, Tore und Höhlen aus Eis. Clari wird mit Kamera ins Masttop geschickt und kümmert sich um Bilder von oben, Winfried um die von unten und ich steuere mit einem Abstand von 20 Metern zwischen zwei Bergen hindurch. Nach einer extra Runde geht es dann raus aus dem Eisgürtel und wir fahren endlich ins Freie. Das Eis lichtet sich und wir sehen die ersten Häuser von Ilulissat, als ER zum Vorschein kommt. ER ist ca. 50 auf 50 Meter groß, auf der einen Seite schon am Zerbröckeln und auf der anderen Seite eben und etwa einen Meter hoch. ER hat auch eine kleine Pfütze in der Mitte, die sich kontinuierlich füllt. Die Erstbesteigung unseres Eisbergs dauert nur wenige Minuten. Kurze Zeit später kommen auch Winfried und Clarissa herüber. Das Wasser in der Pfütze ist herrlich frisch, das Eis so fest wie Stein und kaum rutschig, der Schärenanker hält leider nicht im bröckeligen Teil und überhaupt haben wir großen Respekt vor kalbenden Eisbergen und drehen bald wieder ab, um in den Hafen von Ilulissat einzulaufen. Der Fischerhafen ist sehr überfüllt, wir haben aber bald an einem Fischerboot fest gemacht und informieren uns in der Stadt nach Möglichkeiten zum Inlandeis zu wandern. Leider brauchen wir mindestens fünf Tage für den Weg hin und zurück und die Zeit bis Winfried heim fliegen muss ist begrenzt. Wir wollen also noch ein Stückchen nach Norden segeln, wo das Eis näher bis ans Wasser reicht und wir nur zwei Tage zu wandern haben.

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