Im Eis unterwegs – Ilulissat, Rodebay und Eqip Sermia

In Schlangenlinien fahren wir aus Ilulissat hinaus und immer weiter nach Norden. Heute Nacht wollen wir in Rodebay, einem kleinen Dörfchen wenige Seemeilen nördlich von Ilulissat, bleiben und dort in einem deutschen Restaurant lokale Speisen probieren. Als wir unseren Weg durch die Einfahrt gefunden haben (der bei der südlichen Einfahrt nur wenige Meter von der Felswand im Süden entfernt ist), finden wir bald unseren Ankerplatz. Wohl geschützt durch die Untiefen überall um uns herum müssen wir keine Angst vor den Eisbergen haben, die zu hunderten in geringer Entfernung vorbei treiben. Als wir in das Dorf kommen, finden wir rasch das Restaurant. Wie wir erfahren, kochen hier allerdings nicht mehr die erwarteten Deutschen, sondern eine Einheimische, die uns Heilbutt mit Kartoffeln anbietet. Gerne nehmen wir das Angebot an und essen den wohl besten Fisch meiner Reise (und somit auch meines Lebens). Das angeschlossene Wanderheim steht gerade komplett leer und Clari und ich packen die Gelegenheit beim Schopf und genießen die erste Nacht seit unserer Abreise in Deutschland in einem richtigen Bett. So bequem war es schon lange nicht mehr und bei dieser Aussicht zahlen wir auch gerne den stolzen Preis. Am nächsten Morgen gibt’s Frühstück im Restaurant, dann geht es auch schon weiter nach Atta, einem Ort für Touristen im Atta Sund. Schon bei der Einfahrt werden die Eismassen immer dichter und uns wird klar, dass wir das erste Mal zwischen Eisschollen ankern müssen. Beim Camp angekommen ankern wir erst einmal direkt vor dem Camp, einem sehr ungeschützten und ungünstigen Platz. Auf Nachfrage im Camp empfiehlt man uns eine Bucht weiter rechts, die sehr geschützt sein soll (schon zuvor wollten wir diese anfahren, haben uns wegen der Eissituation allerdings dagegen entschieden). Alternativ dazu überprüfen wir noch die Bucht links vom Camp, die auch sehr geschützt wirkt und bei einer Dinghi-Testfahrt tief genug scheint und Sand als Ankergrund bietet. Wir entscheiden uns dennoch für die rechte, da die andere zum Gletscher hin offen ist und bei einem Winddreher Gefahr durch die Eismassen droht. Als wir am Ankerplatz angekommen sind, erkennen wir ein weiteres Boot aus Deutschland, die Polaris. Als wir am Morgen los fahren, liegen einige Eisbrocken in der Einfahrt zur Bucht, ansonsten ist es weitestgehend eisfrei. Gerade als wir bei den Eisbrocken in der Einfahrt angekommen sind und uns einen Weg ausgesucht haben, genau da sehe ich einen Stein voraus. Ich stehe wegen des Eises am Bug und kann wegen der Schwebstoffe im Wasser gerade einmal einen Meter tief und maximal fünf Meter weit sehen. Winfried steht am Ruder und reagiert auf meinen Aufschrei „Fels! Rechts!“ gerade noch damit, den Gashebel nach hinten zu treten. Wenige Sekunden später kommt schon der erwartete Knall und wir rutschen über den Felsen, der genau in der Einfahrt liegt. Die Karten zeigen im gesamten Fjord nicht einmal Tiefen und ausgerechnet hier liegt ein Stein. Innerhalb von wenigen Sekunden sind wir wieder frei und Winfried fährt weiter westlich hinaus, während ich mich unten umsehe, auf Wassereinbruch überprüfe und den Schaden begutachte. Innen sieht alles in Ordnung aus. Ein wenig Motoröl hat wieder seinen Weg durch den Saloon gefunden, Töpfe, Pfanne, Reibe und Brettchen sind durch die Gegend geflogen, Clari geht es aber gut. Der Tag fängt jedenfalls nicht so gut an wie erhofft und die Stimmung ist die folgenden Stunden eher getrübt, während wir an den Gletscher, Eqip Sermia, fahren. Vom Gletscher aus wollen Clarissa und ich zum Inland-Eis wandern, während Winfried angeboten hat solange auf das Boot aufzupassen. Dort angekommen finden wir einen, für dortige Verhältnisse exzellenten Ankerplatz vor der Mündung eines Flusses, der mit seiner Strömung alles Eis weg schiebt und gleichzeitig eine langsam ansteigende Flussmündung voller Sand bietet. Der Anker greift sofort und wir pendeln uns in mehr als einem Knoten Strömung ein. Die Ivilia, das französische Boot, das wir bereits in Maniitsoq und Aasiaat getroffen haben, liegt direkt in der Nachbarbucht vor Anker, die zwar besser in Richtung des Gletschers geschützt ist, aber dafür keine Strömung gegen Eisberge hat. Schon während der Fahrt hat Clari Vesper und Sicherheitsequipment gepackt und wir brechen kurze Zeit später auf. Winfried bringt uns mit dem Beiboot bis zum Camp Eqi, einem Feriendorf für Touristen aus aller Welt, von wo aus wir unsere Wanderung beginnen wollen. Der Weg, den wir als kleinen und unscheinbaren Trampelpfad erwartet hatten, stellt sich schnell als 1,5Meter breite Spur einer Schneeraupe heraus und dementsprechend leicht ist es auch, ihm zu folgen. Bereits nach knapp drei Stunden sind wir angekommen und blicken hinauf zu der runden Kuppe des Inlandseises. Wir wollen uns aber mit dieser Aussicht nicht zufrieden geben und klettern (zugegebenermaßen nicht ganz ohne Risiko) einen hohen Berg hinauf. Von dort oben aus haben wir endlich den ersehnten Blick auf die beinahe glatte Eisfläche, die sich mehr als 1000 Kilometer bis in den Osten durchzieht. Die Abbruchkante verläuft sich irgendwo im Tal unter uns in einem steilen Geröllfeld und ist nur über eine vorgelagerte Eisfläche zu erreichen, weswegen wir nach einem beschwerlichen Abstieg wieder zurück zum Boot aufbrechen.
Als wir kurz vor der Stadt ankommen, treffen wir den 22 jährigen Peter, der uns in „World of Greenland“ in Ilulissat ein paar Tage zuvor zahlreiche Tipps und den Wetterbericht gegeben hat. Er ist gerade auf der Jagd, hat aber noch keinen Schneehasen und auch keine „Guaguags“ (Schneehühner) erwischt. Er lädt uns ein mit ihm mit zu kommen und so kehren wir kurz bevor wir die Siedlung erreichen wieder um. Einige Stunden später kommen wir wieder zur Siedlung, wo Winfried im rasch aufziehenden Treibeisfeld bereits mit laufendem Motor auf uns wartet. Immer wieder kalbt der Gletscher hier und bringt Meter hohe Tsunamis mit sich, was zusammen mit dem Eis, das langsam wie eine geschlossene Eisdecke aussieht, ein beängstigenden Eindruck erweckt. Schnell weg hier. Kurs auf Rodebay, flucht vor dem Eis. Immer wieder donnern wir auf Eisbrocken von mehr als 30 cm Durchmesser und ununterbrochen schieben sich die kleinen Eisbrocken am Rumpf entlang. Hinter uns bildet sich eine richtige Straße ohne Eis. Auch wenn ich wegen der großen Brocken nicht sonderlich glücklich bin, freue ich mich doch über diese einzigartige Erfahrung. Als wir nach ca. einer Stunde aus dem Packeis heraus kommen und nur noch Eisberge und Growler um uns herum sind, sind wir trotzdem alle froh über die Ruhe und die Entlastung unseres GFKs.
Als wir am Nachmittag ankommen haben wir alle nur wenig geschlafen, beginnen aber direkt mit dem schon lange herausgeschobenen Ölwechsel, Öl- und Dieselfilterwechsel, Impellerwechsel(der wegen einer zu fest angezogenen Schraube verschoben wird) und der Entlüftung unserer Stopfbuchse. Als wir mit allem fertig sind ist es bereits später Abend und sowohl das Bad im Eiswasser als auch das Tauchen nach Walknochen muss verschoben werden.

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2 thoughts on “Im Eis unterwegs – Ilulissat, Rodebay und Eqip Sermia

  1. Birgit says:

    Hallo Ihr Lieben,

    vielen Dank für die nette Postkarte. Die ist heute angekommen.
    Euer Blog und die Bilder haben mich sehr neugierig gemacht. Nun bin ich ja zwar keine Seglerin aber vielleicht kann man das ja auch auf anderem Wege erreichen/erkunden.

    Viele Grüße aus dem heißen Tübingen
    Birgit

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