Rodebay – Faeringe Nordhavn

Bei der Kontrolle unseres Kiels in Rodebay muss ich feststellen, dass wir deutlich härter aufgesessen sind als erwartet. Wir müssen irgendwie auf eine scharfe Steinkante aufgetroffen sein, die sich tief ins Fiberglas gebohrt hat, denn das gesamte Fiberglas ist bis zum Blei auf Größe einer Handfläche weggeschlagen und das Blei schaut heraus. Im ersten Moment klingt es schrecklich und fühlt sich auch so an, Winfried versichert mir aber, dass man das Ganze nach dem Winterlager mit Flex, Fiberglas, Epoxy und Spachtelmasse wieder sauber hinbekommt. Ich bin für den Moment erleichtert und froh, dass kein größerer Schaden entstanden ist, der unsere Weiterreise beeinträchtigt. Heute soll es nämlich auf die Disko Insel gehen, die von einer leicht erreichbaren Gletscherkappe überzogen ist. Nachdem wir in dem kleinen Dörfchen eine Dusche genommen haben (es gibt in allen Dörfern Gemeinschaftsduschen, die für wenig Geld zur Verfügung gestellt werden) und ich ein paar Walknochen aus dem Wasser gefischt habe, geht es nach Westen durch den Eisgürtel des Jakobshavn Fjords, der nach unserer letzten Eis-Erfahrung am Gletscher weit weniger beeindruckend und beängstigend wirkt als bei seiner ersten Durchquerung. Irgendwann im nicht existenten Morgengrauen kommen wir in dem Städtchen Qeqertarsuaq an und legen uns zwischen einige Motorboote, wobei wir bei 11 Metern Wassertiefe Gefahr laufen in sie hinein zu treiben (da unsere Ankerleine viel länger ist als die Leine ihrer Mooring-Bojen). Der Wind dreht immer weiter und tatsächlich ist es am Mittag soweit, dass wir längs an ein Motorboot heran gedrückt werden. Die Grönländer scheinen sich zwar nur sehr wenig aus Macken und Schrammen in den Booten zu machen, wir sind aber dennoch froh, dass wir unsere Fender ausgehängt haben. Ich ziehe die Takamaka mit dem Dinghi weg und bringe einen Heckanker aus, der uns jetzt in der Mitte der Einfahrt, weit weg von den Motorbooten hält. Anschließend setze ich meine Suche nach Gas fort und werde bald fündig. Knapp 80 Euro kostet mich eine 6 Kilo Kartusche Gas, 30 davon sind Pfand. In Deutschland läuft das anders herum, da werden die vollen Kartuschen aber auch nicht per Schiff aus Dänemark angeliefert. Als ich das Siegel öffne und meinen Adaptersatz für Europa heraus hole, stelle ich fest, dass kein passender Adapter dabei ist. Zwar werden die Kartuschen aus Dänemark geliefert und sind sogar deutsch beschriftet, der Adapter passt jedoch nicht. Die Schuld, wenn es eine solche gibt, sehe ich eher bei dem Outdoor-Laden, der mir die Adapter verkauft hat. Netter Weise nimmt der Besitzer der Tankstelle die Kartusche zurück und so richten wir uns eben für die Wanderung zum Gletscher ohne Gas auf Reserve zu haben. Die alte Gaskartusche sollte noch ein paar Tage halten und wir hoffen auf Adapter in den größeren Städten.
Zum Gletscher geht es einen verhältnismäßig gut gekennzeichneten Weg in die Berge. Eher eine Touristen-Autobahn, die jeden Tag von mehreren dutzend oder sogar hunderten Wanderern genommen wird. Trotzdem brauchen wir eine ganze Weile, um die ca. 800 Höhenmeter zu erklimmen. Als wir oben ankommen, sehen wir zwei kleine Häuser, die für Touristen betrieben werden, es scheint jedoch niemand da zu sein. Wir sehen zwei Personen auf Hundeschlitten langsam über die sich vor uns erstreckende Eiskappe fahren und nach einer Weile noch langsamer wieder zurück kommen. Ob das der richtige Umgang mit Tieren ist? Nach dem Bericht der Deutschen, die gerade noch mit einem Guide auf dem Schlitten stand und erzählt wie schwer es den Hunden fällt durch den nassen Schnee zu laufen, entscheiden wir uns endgültig dagegen eine solche Tour zu buchen. Auch wenn diese Hunde in Grönland das sind, was in Deutschland lange Zeit die Pferde waren, müssen wir als Touristen diesen Umgang mit den Lasttieren nicht fördern und sie dadurch noch mehr beanspruchen.
Wir prägen uns den Gletscher ein letztes Mal ins Gedächtnis und beginnen dann mit dem weit weniger beschwerlichen Abstieg. Am nächsten Tag gibt es für mich noch Internet, Eis und Kaffee und schon sind wir wieder auf dem Meer in Richtung Hunde Ejland, einer kleinen Insel im Süden der Disko Bucht. Mit dem Spinnaker als Blister (ohne Baum, der will nicht mehr) können wir einige Stunden segeln, bevor der Wind wie üblich wieder in einer Flaute endet. Dass wir jemals so viel unter Motor fahren würden, hätten wir bis zu unserer Ankunft in Grönland abgestritten und selber nie erwartet. Wie sich die Dinge eben ändern…Den Rest der knapp 40 Meilen legen wir unter Motor zurück und kommen wieder einmal nach Mitternacht in der Bucht an. Eng ist die Einfahrt und es wird rasch zu flach für uns. Ich entscheide mich in Mitten der Einfahrt zu liegen und einen Heckanker gegen das Schwojen auszubringen. Nach fünf Minuten sind wir fertig und haben einen wunderschönen Ankerplatz für uns. Würden hier nicht permanent Motorboote an uns vorbeijagen, wäre es perfekt mit dem Blick auf das winzige Dörfchen mit ca. 80 Einwohnern und scheinbar genauso vielen Häuschen. Am nächsten Morgen/Mittag erkunden wir das Städtchen, finden einen kleinen Supermarkt, einen Friedhof mit mehr Gräbern als es Einwohner gibt, eine kleine Kirche und treffen einen Isländer, der uns viel über das Dorf und die Menschen hier erzählt. Er ist mit einer Inuit verheiratet und lebt seit sechs Jahren in Grönland. Er stellt uns seinen Sohn und seine Frau vor, erzählt uns von der dänischen Königin, die heute Abend zu Besuch kommt und zeigt uns Schmuck, Inuit-Stickereien und Stricksachen, die seine Frau herstellt. Natürlich kaufen wir ihr einige Kleinigkeiten ab und freuen uns über die nette Gesellschaft bis zum Abend, denn natürlich warten wir auf die Königin, schließlich kann man sie nicht jeden Tag von einer solchen Nähe sehen und außerdem sind wir gespannt auf die Inuit-Gewänder, Lieder und Tänze, die ihr zu Ehren aus- und aufgeführt werden sollen. Als es soweit ist, ist das ganze Dorf aufgeregt zum Wasser gekommen und heißt sie willkommen auf dieser winzigen Insel. Da wird stolz die kleine Kirche präsentiert, man hält Reden und schließlich kommen wir bei einem Spielplatz vor dem Dorfzentrum an, an welchem eine lange Tafel im Freien aufgebaut ist und Kaffee für die königlichen Gäste mitsamt Gefolge serviert wird. Die grönländische Nationalhymne wird gesungen und ein Wolfstanz im alten Stil der Inuit wird aufgeführt. Alles wirkt sehr authentisch und wir sind froh, dass wir daran teilhaben durften, dann müssen wir aber los. Kurze Zeit später holen wir den Anker auf und wollen gerade los fahren, da fährt die Königin mit ihrem Gefolge in einem hübschen Dinghi vorbei und winkt höflich. Da freut man sich doch.
Drei Stunden segeln, dann wieder unter Motor gen Süden. Knapp 80 Seemeilen liegen vor uns bis wir am Faeringe Nordhavn, einem mittelgroßen Fjord mit ruhigem Ankerplatz, ankommen. Ganz ereignislos verfliegen die Stunden, kein Wal und beinahe kein Eisberg kreuzt unsere Wege, keine Untiefe und keine anderen Boote. Nichts.

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