Attu – Sagdlerssuaq – Aasiaat

Attu, ein kleines Dörfchen südlich der Disko Bucht, stellt sich als verschlafene Anhäufung von Häusern heraus. Außer der allgegenwärtigen Fischfabrik gibt es hier nur einen kleinen Supermarkt mit Post. Schlittenhunde sitzen zwischen den Häusern und eine moderne Kirche bildet das Zentrum. Menschen laufen kaum durch die Gegend und die wenigen, die wir treffen, scheinen reserviert und schüchtern zu sein. Trotzdem liegen wir in einer schönen Bucht mit Eisbergen und Growlern um uns herum, schleppen einen davon ans Boot heran und genießen den morgendlichen Saft mit Eis. Am Morgen mache ich mich mit Winfried über den Thermostat her. Er diagnostiziert dem Motor einen zu langen Kühlkreislauf und einen daraus resultierenden zu geringen Wasserdurchlauf. Auf Nachfrage an zu Hause erfahren wir von einem (ungenannten) Motorspezialisten, der ein Rückschlagventil gegen Wasserschlag eingebaut hat. Dass das Ventil erst hinter dem Punkt sitzt, wo der Wasserschlag entsteht, scheint ihm jedoch nicht aufgefallen zu sein. Nach wenigen Minuten und nach dem Austauschen der „Zwei-Kreis-Kühlung“ spuckt der Motor wieder ordentlich Wasser, bei höheren Drehzahlen kommt sogar ein richtiger Schwall zum Auspuff heraus. Dass der Motor so die gesamte Fahrt überstanden hat, scheint wohl eher seiner Qualität als dem Können des teuer bezahlten Spezialisten zu verdanken zu sein. In Zukunft ruft mir zumindest niemand mehr „Dein Motor brennt!“ oder „Ich glaube Ihr Motor spuckt deutlich zu wenig Wasser, das müssen Sie dringend reparieren“ hinterher.
Es geht also mit dem Motor weiter in den Norden. Unser Ziel ist diesmal irgendeine kleine Bucht, möglichst wenig kartografiert. Abenteuer soll es sein. Nach einiger Zeit landen wir in Sagdlerssuaq, einer mittelgroßen Insel an der „Inner lead route“ (dem Fahrwasser zwischen Grönland und den zahlreichen Inselchen vor der Küste). Die Bucht liegt im Süden und hat drei Arme, Tiefenangaben haben wir keine außer 0,3 Meter im Westen. Einfahrt im Osten. Die Bucht scheint überall um die 30 – 40 Meter tief zu sein, bis wir unmittelbar vor dem Felsen in einem der Seitenarme sind. Dort steigt der Grund rapide an. Ankern auf Steingrund mit Bewuchs – kaum möglich. Wir nehmen also je 20 Meter Leine vom Heck an Land und bringen den Anker mit so viel Leine wie möglich nach vorn. Die Kombination scheint, zumindest bei schwachem Wind, zu halten. An Land gibt es leider nur wenig Sehenswertes. Ein paar Seen zwischen den Hügeln, Fallen für Kleintiere und Vögel, die wie Hühner aussehen (lediglich die grau-weiße Punktierung ist ungewöhnlich). Neues Ziel: Aasiaat. Diesmal werden wir es wohl schaffen. Auf halber Strecke finden wir einen Eisberg der Extraklasse. Torbogen mit der Möglichkeit zum Durchfahren. Winfried geht mit dem Dinghi auf die eine, wir auf die andere Seite. Knipsen. Beide auf eine Seite. Knipsen. Clari und ich fahren mit dem Dinghi durch den Torbogen. Knipsen. Winfried traut sich ins eisige Wasser vor dem Berg. Knipsen. Nach einer Stunde sind wir fertig und können unsere Fahrt fortsetzen, wegen der starken Tidenströmung kommen wir dann doch noch pünktlich in Aasiaat an und machen unter dem Kommando von Clarissa an einem verrotteten Holzsteg einer kleinen Insel fest. Beim Landgang finden wir den Müll der vergangenen Jahre, Bootsreste, Netze und Seehundpfoten in den stillgelegten Hallen der Fischfabrik. Vor dem Schlafen mache ich mich noch an die marode Verkabelung des Echolotes, das immer wieder wegen eines Wackelkontaktes ausfällt. Ein Koaxial-Kabel dient mit Kern als Plus, Mantisse als Minus. Dahinter sind noch jeweils zwei Verlängerungen mit Kabelverbindern aufgesteckt. Fehler sind also vorprogrammiert und ich mache mich daran es gegen ein ordentliches, zweiadriges Kabel zu tauschen. Am Ende funktioniert alles wie gewünscht, zusammengebaut wird aber erst am Morgen. Im Anschluss wird der Thermostat vom Motor überprüft und gereinigt (alles scheint in Ordnung zu sein), dann die Lichtmaschine abmontiert. Seit einigen Tagen lädt sie nicht mehr. Sie ist durch Öl verschmutzt und Winfried schleift mit feinem Sandpapier die Kohlen und deren Gegenstück. Noch immer lädt sie nicht. Da fällt mir ein, dass das Zündschloss ja bereits seit Tagen defekt ist und es vielleicht an den daran hängenden Kontakten liegen könnte. Schließlich leuchtet die Ladekontrollleuchte nur, wenn der Schlüssel gedreht ist. Nach dem Starten umgesteckt und siehe da, nicht nur die Kontrollleuchte leuchtet wieder, auch die Lichtmaschine lädt auf einmal. Der Fehler ist zwar nicht behoben, aber immerhin können wir improvisieren bis wir in Deutschland ankommen. Wasser holen, tanken, umparken (wir liegen jetzt vor Anker damit wir die Leinen nicht ständig nachführen müssen um den Tidenhub auszugleichen), duschen und einkaufen. Morgen kann es weiter gehen. Ob nach Ilulissat oder Qeqertarsuaq hängt vom Wind, Wetter und den Eisbergen ab. Die Disko Bucht ist nämlich gefüllt von ihnen und nicht immer ist der Weg nach Ilulissat frei.

Advertisements

Inselparadies Ukiivik

In Sisimiut abgelegt, bestimmt Clarissa die Route. Nach Ukiivik soll es gehen, dem früheren Sisimiut, das im 18. Jahrhundert verlegt wurde und heute Grönlands zweit größte Stadt ist. Nur 20 Seemeilen entfernt, sind wir schnell hin motort. Highlight der Fahrt: Vier Knoten Strömung von hinten und dabei Karten, die so schlecht kartografiert sind, dass ich beim Überqueren einer Untiefe von weniger als zehn Metern doch Angst bekomme und kurz davor bin umzudrehen. Am Ende geht dann doch alles gut und wir kommen eben nach weniger als drei Stunden Fahrt vor Ukiivik an. Mein täglicher Versuch kurz vor der Einfahrt zu angeln wird nach fünf Minuten aufgegeben, wir finden bald einen schönen, geschützten Ankerplatz und wollen gleich Claris Couscous mit Gemüse essen, da muss ich doch noch einmal die Angel hinaus halten. Nach zwei Sekunden beißt ein kleiner Kabeljau/Dorsch, zehn Sekunden nach dem zweiten Versuch der zweite, deutlich größere. Als wir gerade das Deck sauber gemacht haben und das blutige Wasser über Bord kippen, beißt ein dritter. Da hatte Nolwenn wohl doch recht mit seinem Tipp und seiner Annahme, dass die Fische beißen sobald man den Haken ins Wasser hängt. Nach dem Essen gehen wir dann auf Landausflug und Mitternachtssonne beobachten. Tatsächlich gibt es viele, überwachsene Mauerreste und sogar ein beinahe intaktes Torf-Haus (die ursprüngliche Winterbehausung der Inuit). Die Sonne bleibt die gesamte Nacht über deutlich über dem Horizont und berührt ihn dabei nicht einmal. Ein tolles Erlebnis, wie Winfried passend feststellt. Im Anschluss kann ich es mir nicht verkneifen den ersten, kleinen Fisch zu braten und als spätes Abendessen (es ist bereits nach 3:30 Uhr) zu genießen.
Als ich am nächsten Morgen vom Heulen des Windes aufwache, ist es erst 6:30 Uhr. Der Schwell steht in der beinahe ungeschützten Einfahrt und nach einem zügigen Frühstück holen wir auch bald den Anker auf. 25 – 30 Knoten Wind in der Einfahrt, Strömung gegen an und wir kommen mit unserem altersschwachen Motor kaum von der Stelle. Als ich das Großsegel zur Unterstützung im zweiten Reff gesetzt habe, nehmen wir endlich Fahrt auf. Kaum sind wir auf offener See angekommen, nimmt der Wind wieder ab. Immerhin bleiben uns rund 15 Knoten von Achtern und wir können gut dreißig Seemeilen machen, bevor der Wind wieder deutlich abnimmt und wir den Motor starten. Segel runter, Motor an, Wind kommt auf, Segel wieder hoch. So wird segeln doch noch zum Sport. Unser Tagesziel haben wir von Aasiaat (der südlichsten Stadt der Disko Bucht) inzwischen auf ein kleines Dorf namens Attu abgeändert. Wir sind schließlich nicht mehr in Eile und brauchen weder Nächte durch zu steuern noch an den kleinen Dörfchen vorbei zu eilen.

Maniitsoq – Sisimiut

Von Maniitsoq aus segeln, nein motoren wir in den Evighedsfjord, wo wir uns eine schöne Bucht mit Idylle, Ruhe und ein paar Muscheln am Strand erhoffen. Als wir mitten in der (hellen) Nacht ankommen, liegen zwei weitere Schiffe in der kleinen Bucht. Grönland ist wohl auch nicht mehr so exponiert wie es mal war und man trifft die gleichen Schiffe immer wieder, da alle zum Beginn der Saison nach Norden segeln und die meisten anschließend nach Kanada übersetzen. Die Hoffnung bleibt, dass wir auf unserem Weg in den Süden keine Yachten mehr treffen.
Am nächsten Morgen wachen wir nur wenige Meter vom Land entfernt auf. Wegen unseres defekten Tiefenmessers mussten wir in der letzten Nacht mit unserem Anker die Tiefe messen (man lässt bei langsamer Fahrt ca. zehn Meter Kette mit dem Anker nach unten und wartet bis er hängen bleibt) und sind dabei nah an die Küstenlinie gefahren. Der Tiedenhub war dann wohl doch etwas stärker als erwartet. Trotz allem fahren wir mit dem Dinghi an Land und versuchen den nächsten Bergrücken zu erklimmen, um einen Blick auf den nahen Gletscher zu erhaschen. Nach einigen Stunden des Aufstiegs sind wir oben angekommen, haben kleine Bergseen gefunden, einen kleinen Wasserfall und auch sonst viel Schönes. Nur der Gletscher will und will nicht in Sicht kommen. Als wir merken, dass uns noch eine weitere Schlucht und der darauffolgende Berg im Weg stehen, drehen wir um. Als die Gopro beim Abstieg aus der Kameratasche fällt und dabei die wasserdichte Hülle einen Sprung bekommt, ist meine Laune wieder etwas getrübt. Immerhin finden wir noch ein hübsches Treibholz bevor wir bei unserem Dinghi ankommen, das gerade noch an der Spitze des Steines hängt um den ich die Leine gebunden habe. Da kam wohl die Flut wieder und hat das Dinghi ins Wasser getragen. Beim nächsten Mal werde ich wohl vorsichtiger sein.
Als wir die Bucht verlassen ist es bereits Abend. Am Anfang weht noch guter Wind, als wir aber den Fjord verlassen, schläft er innerhalb von wenigen Minuten ein und wir finden uns in der gewohnten Flaute wieder. 87 Seemeilen sind es bis Sisimiut und morgen kommt unser Mitsegler an. Der Motor läuft fast ununterbrochen. 20 Stunden, einen Angelköder und eine Portion Nudeln mit Sahne-Lauch-Soße später kommen wir in Sisimiut an, wo uns Winfried bereits am Steg erwartet. Noch geschwind über die Untiefe gerutscht ohne aufzusitzen, dann liegen wir schon längsseits an einer französischen Yacht. Wir quatschen, essen Kartoffelauflauf, tanken Wasser und Diesel und reparieren Kleinigkeiten an Bord. Das Echolot aber will sich nicht reparieren lassen, und nicht einmal das Reinigen der Kontakte hilft. Als wir gerade aufgeben wollen um uns nach einem neuen Echolot umzusehen, meint Winfried, dass es ja vielleicht am Öl im Zylinder der Echolotmesseinheit fehle. Jetzt verstehe ich endlich, wofür dieser nervige, ölgefüllte Zylinder im Vorschiff ist und als ich ihn mir ansehe, ist er nicht nur komplett leer, sondern die Messeinheit liegt auch einige Zentimeter daneben. So kann das ja nicht funktionieren. Salatöl in den Zylinder und den Deckel mitsamt Empfänger wieder drauf. Oben kommt ein einwandfreies Signal an, herrlich.
Von Minute zu Minute werde ich froher, dass ich Winfried, einen erfahrenen Segler und Schrauber dabei habe. Viele liegen gebliebenen Probleme werden angepackt und Verbesserungsvorschläge geäußert und mich lässt das Gefühl nicht los, dass diesmal nicht ich der Lehrer sondern der Schüler sein werde. Mir soll es recht sein. Sobald wir wieder alles aufgeräumt haben geht es weiter nach Norden. Wohin, wissen wir noch nicht.

Bildernachtrag Nuuk – Sisimiut