Durch den Prins Christian Sund nach Ost-Grönland

Kein Wind lässt sich blicken und uns fehlen noch 25 Seemeilen bis Nanortalik, Diesel haben wir aber nur noch für ca. 14 Seemeilen und so entschließen wir uns irgendwann, das Dinghi mit unserem kleinen 2,5 PS Motor an die Seite zu binden und damit zu ziehen. 3,2 Knoten Spitzengeschwindigkeit ist das Maximum, aber wir müssen ja nur wenige Seemeilen überbrücken und wenn wir einen Kanister leer fahren (der kleine Motor schluckt einen Liter Sprit innerhalb von 40 Minuten), können wir immerhin mehr Diesel für die Überfahrt bunkern. Es geht vorbei an Untiefen, Steinen, kleinen Inseln und Eisbergen, bis wir endlich Nanortalik vor uns liegen haben. Nach 260 Seemeilen kommen wir endlich an und finden rasch einen Liegeplatz – längsseits an zwei weiteren Segelbooten. Ganz schön viel los hier im Süden. Wir duschen, kaufen ein, erkundigen uns nach Internet, Diesel, Wasser und der Post. Postkarten verschicken, Souvenirs kaufen und Informationen über Eis im Osten einholen. Die Eismassen versperren noch immer die Ausfahrt aus dem Prins Christian Sund und es ergibt sich nur alle paar Tage eine Chance hindurch zu fahren, wir hoffen einfach auf unser Glück, das wir ja bisher mit dem Eis immer hatten. Mama und Familie sind bereits auf dem Weg nach Island wie wir erfahren – da fehlen nur noch wir. Während ich all die Informationen sammle ist Clarissa noch auf dem Boot, als ein mächtiger Growler sich unter dieses schiebt. Als sie zu mir kommt ist sie etwas durcheinander und erzählt mir von ihm und der Windsteueranlage, die er verbogen haben könnte. Ich muss sofort nachsehen, lasse sie mit dem Laptop zurück und begutachte den Schaden. Der Growler muss mehr als die Takamaka wiegen und treibt sich noch immer zwischen den drei Booten herum, die Windsteueranlage hat aber zum Glück eine Sicherheitsvorrichtung, so dass sich das Ruderblatt nach hinten hinaus bewegen kann, wenn zu viel Druck darauf kommt. Ich muss also nur eine Schraube lösen, es wieder gerade stellen und alles ist wieder gut, alle sind wieder glücklich.
Gegen Mittag fahren wir mit dem Ziel Frederigsdal los. Ein bisschen Wind aus dem Osten, ein Kreuzfahrtschiff und das war auch schon alles bis wir ankommen. Die Bucht im Norden ist geschützt vor Wind, es treiben sich einige Growler darin herum und ich beschließe auf knapp fünf Metern zu ankern. Ein Fehler, wie sich nachts um drei Uhr herausstellt, denn unser Kiel setzt sanft im Sand auf. Bis ich es gemerkt habe, liegen wir allerdings auch schon ein paar Zentimeter über der üblichen Wasserlinie und es kostet uns fast eine Stunde um das Schiff wieder frei zu bekommen. Morgens um acht noch ein kurzer Blick auf die ersten Wikinger-Häuser Grönlands, dann geht es schon wieder weiter – Ziel: Aappilattoq, rund 20 Meilen im Sund.
Die Strömung unterstützt uns tatkräftig und wir sind bald dort. Gerade laufen zwei Yachten, die bereits in Nanortalik neben uns lagen, aus und berichten, dass das Wasser am Steg vermutlich zu niedrig sei. Wir ankern wenige Meter davon entfernt, so müssen wir schon keine Leinen nachführen. Wasser und Diesel werden ein letztes Mal bis zum Rand aufgefüllt, am nächsten Morgen noch Brot einkaufen und (kostenlos!) duschen, dann geht es schon wieder weiter. Die Strömung trägt uns durch den Sund, vorbei an 1500 Meter hohen Bergen, vorbei an Gletschern und Eisbergen, vorbei an Wasserfällen und Robben. Bis zu 7 Knoten machen wir über Grund, als wir eine Engstelle passieren. Überall neben uns drehen sich Eisberge von mehreren Metern Durchmesser im Kreis und schwimmen in alle Richtungen als würden sie tanzen. Steine in einer Tiefe von rund einhundert Metern sorgen für Verwirbelungen und Strudel an der Oberfläche, die dieses Phänomen erzeugen, das mich immer wieder dazu bewegt die Fahrt zu erhöhen oder zu verringern, um den gewaltigen Brocken auszuweichen.
Inzwischen sind wir nur noch 7 Seemeilen von der Wetterstation am Ostende des Sundes entfernt, von der aus wir durch den Gürtel aus Packeis starten wollen. Ein letzter Stopp bevor wir uns auf den Weg nach Island machen.
To Dos:
Neues Großsegel einziehen – erledigt
Wasser bunkern – erledigt
Diesel auffüllen – erledigt
Boot aufräumen – erledigt
Putzen – erledigt
Vorsegel zusammen5legen – heute Abend
Dinghi wegpacken – heute Abend
Ölstand kontrollieren – heute Abend
Los fahren – morgen früh

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Ab in den Süden

Wir bleiben noch einen zweiten Tag im Evighedsfjord ehe wir uns auf den Weg nach Nuuk machen. Erst über 20 Knoten Wind gegen an, dann von achtern und wenige Stunden später die gewohnte Flaute für die restlichen 90 Seemeilen. Wir kommen bei Nacht in Nuuk an. Am nächsten Tag stehen Wäsche waschen, Einkaufen und Internet an, abends gibt’s zur Belohnung die gesammelten Miesmuscheln und am nächsten Tag noch einmal Internet bis die Wäsche fertig ist. Als wir ablegen ist es bereits 16 Uhr und die Fischfabrik, bei der wir Wasser bunkern wollen, hat bereits geschlossen. Diesel tanken und Wasser suchen. Wir werden am Ende einer flachen Marina für Motorboote fündig, in die wir bei Hochwasser einlaufen. Der Tank ist innerhalb von wenigen Minuten voll und wir können endlich weiter nach Süden segeln. Der Wind weht von achtern, von der Seite und dann von vorn. Nachts wird es inzwischen wieder erschreckend dunkel, außerdem umgibt uns die meiste Zeit dichter Nebel. Als wir in Lichtenfels, einer Bucht rund 80 Seemeilen von Nuuk entfernt, ankommen, weht zwar kaum Wind, wir müssen aber feststellen, dass die Bucht nach Westen hin komplett ungeschützt ist und die Karten in keiner Weise stimmen. Über die Mündung der langgezogenen Bucht kommt man nämlich nicht hinaus, außerdem stimmt weder die Ausrichtung der Karte noch irgend etwas sonst in der Nähe. Solang der Wind unter zehn Knoten bleibt können wir dennoch hier bleiben – das kommt uns ganz gelegen, denn der Wind bläst eisig über die Hügel und der Nebel schlägt sich überall nieder. Ein Friedhof mit grönländischen Steingräbern erwartet uns an Land, bei den Temperaturen kann ich dieser Anhäufung von Gräbern (es müssen wohl um die hundert Gräber sein) nur wenig abgewinnen und während Clarissa sich voller Begeisterung umsieht, will ich nur rasch zum Boot zurück. Tatsächlich ist der Friedhof ein interessanter Ort. Die sonst vereinzelt auf den Berghängen stehenden Gräber aus angehäuften Steinen stehen hier dicht beieinander, wobei einige von ihnen sogar mit alten Holzkreuzen „geschmückt“ sind. Das erklärende Schild des Bischofs können wir jedoch leider nicht lesen (in Grönland ist das meiste nur in Dänisch und Grönländisch beschriftet).
Am Morgen des kommenden Tages wehen rund zehn Knoten als ich den Anker aufhole und damit das Boot vor dem nur wenige Meter fernen Ufer schütze. Kaum verlassen wir den Fjord, wehen schon rund zwanzig Knoten von achtern. Wir freuen uns über fünf, nein sechs, bald sieben Knoten Fahrt aufs Ziel zu und malen uns bereits aus, dass wir mit etwas Glück bereits in zwei Tagen in Nanortalik, im Süden Grönlands, sein könnten. 260 Seemeilen müssen wir zurück legen und schon nach 60 lässt der Wind wieder nach. Das übliche Motoren und aufkreuzen folgt, während die Strömung uns hart zusetzt und der Wind das Motoren ausschließt. Eisberge sind überall um uns herum, Nebel verschlechtert die Sicht und in der Nacht müssen wir den Treibanker ausbringen um nicht Gefahr zu laufen auf einen der Berge zu fahren. Inzwischen sind wir nur noch weniger als 50 Seemeilen von Nanortalik entfernt, der Diesel ist zwar beinahe leer, dafür weht aber wieder Wind von achtern und der Nebel hat sich verzogen. Mit etwas Glück laufen wir morgen früh in Nanortalik ein, wo wir die letzten Einkäufe erledigen wollen, bevor wir uns auf den Weg durch den Prince Christian Sund machen, der durch die Südspitze von Grönland führt und damit unsere Strecke für die Überfahrt nach Island beinahe halbieren soll.